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Corona-Kreuzzug in der Kirche

Zum orthodoxen Osterfest am kommenden Sonntag hat Patriarch KirillIm Jahr 1946 als Wladimir Gundjajew geboren, wurde Kirill 2009 zum Patriarchen der Russisch-Orthodoxen Kirche gewählt. Als solcher setzte er sich für ein stärkeres soziales Engagement der Kirche und eine bessere Klerikerausbildung ein. Gleichzeitig geriet er aufgrund der Annäherung der Kirche an den Kreml und mehrerer Korruptionsskandale in die Kritik. Mehr dazu in unserer Gnose die russischen Gläubigen dazu aufgefordert, nicht in die Kirche zu gehen, sondern zu Hause zu bleiben. Ostern ist das höchste Fest in der Orthodoxen Kirche, es ist mit zahlreichen, auch öffentlichen, Ritualen und Traditionen verbunden. 
Meduza hat versucht herauszufinden, warum es manchen Gläubigen und auch Würdenträgern so schwer fällt, sich an das Kirchgang-Verbot zu halten.

Quelle Meduza

Segnung am Karsamstag in Kaliningrad, 2019. Dieses Jahr wird es solche Bilder nicht geben / Foto © Westpress Kaliningrad archive, image #/CC-BY-SA 4.0

Der Gottesdienst am Palmsonntag – einem der wichtigsten orthodoxen Feiertage – war nun der letzte, bevor alle Kirchen über die Karwoche und Ostern schließen [in der Orthodoxen Kirche wird das Osterfest in diesem Jahr am 19. AprilAm 26. Januar 1918 verabschiedete die bolschewistische Regierung ein Dekret über den Übergang zum gregorianischen Kalender. Damit holte man 13 Tage Unterschied in der Zeitrechnung zwischen Russland und den meisten europäischen Ländern auf und wollte dem „chronologischen Doppeldenken“ ein Ende setzen. Da die Russisch-Orthodoxe Kirche den „neuen“ Kalender nicht akzeptierte und kirchliche Feiertage weiter nach dem julianischen Kalender feierte, kam es zur sogenannten „Doppelherrschaft der Zeitregime“. Prominentestes Beispiel dafür ist die gleichzeitige Existenz des Neujahrsfestes (am 1. Januar) und des „alten“ Neujahrsfestes (am 14. Januar). Mehr dazu in unserer Gnose gefeiert – dek]. Das erfuhren viele Moskauer Kirchgänger erst aus einem Text, den die Priester vergangenen Sonntag im Anschluss an ihre Predigt verlasen.

In dieser Botschaft werden die Gläubigen im Namen von Patriarch Kirill „schweren Herzens“ aufgefordert, die Anweisungen der Gesundheitsbehörden zu befolgen und zu Hause zu bleiben – an den Ostergottesdiensten solle man per Videoübertragung teilnehmen. 

Zu diesem Zeitpunkt galten in den Moskauer Gemeinden bereits noch nie dagewesene Sicherheitsvorkehrungen, die sich nach den Empfehlungen der Heiligen Synode der Russisch-Orthodoxen KircheDie Russisch-Orthodoxe Kirche ist die christliche Kirche mit der größten Glaubensgemeinschaft in Russland. Prägend für ihr Verhältnis zum russischen Staat ist das von der byzantinischen Mutterkirche übernommene Ideal der Symphonie, das heißt einer harmonischen Beziehung zwischen Staat und Kirche. Vor 1917 galt die Orthodoxie neben der Autokratie und dem „Volk“, genauer: einem volksverbundenen Patriotismus, als eine der wichtigsten Stützen des russischen Staates und des Zarenreichs – eine Traditionslinie, die heute wieder wirksam scheint. Mehr dazu in unserer Gnose (ROK) vom 17. März 2020 richteten. So wurde beispielsweise der Fußboden der Spiridon-Trimifuntski-Kirche im Bezirk Koptewo im Moskauer Norden im Abstand von anderthalb Metern mit weißen Punkten markiert, auf die sich die Gläubigen während der Messe stellen sollten. Sobald alle Markierungen besetzt waren, wurden die Türen geschlossen. Die Gläubigen mussten außerdem einen Mundschutz tragen, und das Abendmahl wurde unter maximal sterilen Bedingungen abgehalten – soweit dies überhaupt möglich ist. 

In der Kirchenverfassung steht nichts von einem Mundschutz. Aber auch von einem Coronavirus steht da nichts!

Schon bei ihrer Einführung hatten diese Maßnahmen für rege Auseinandersetzungen gesorgt, sowohl unter der orthodoxen Priesterschaft als auch unter den Gläubigen. Bei dem Versuch, der ratlosen Gemeinde die Ernsthaftigkeit der Situation zu vermitteln, rief der Vorsteher der Spiridon-Trimifuntski-Kirche, Sergij: „Viele von euch waren unzufrieden, als sie die Kirche nur mit Mundschutz betreten durften – in der Kirchenverfassung stehe ja nichts von einem Mundschutz. Aber auch von einem Coronavirus steht da nichts!“

Sie müssten die Entscheidungen der weltlichen Behörden akzeptieren und den Kirchen fernbleiben, erklärte Vater Sergij den Gläubigen und sagte, das sei eine einmalige Gelegenheit, sich auf die wahre Bedeutung des Osterfestes als Auferstehung Christi zu konzentrieren – frei von äußeren, weltlichen Attributen wie KulitschiKulitsch ist ein russisches Ostergebäck aus Hefeteig, das traditionell in der Osternacht zum Fastenbrechen verzehrt wird, nachdem es am Karsamstag von einem Priester gesegnet wurde.  und Ostereiern.

Manche Amtsträger der Russisch-Othodoxen Kirche widersetzten sich jedoch offen den behördlichen Empfehlungen sowie Patriarch Kirills Aussagen zu den Hygienemaßnahmen angesichts der Corona-Pandemie – die Positionen reichen dabei von der Leugnung der Pandemie als solches bis hin zu Aufrufen, die Entscheidungen der weltlichen Regierung zu sabotieren.

So erklärte Erzbischof Pitirim von SyktywkarSyktywkar ist die Hauptstadt des Föderationssubjekts Republik Komi, im Nordwesten Russlands. Gegründet 1780, leben dort derzeit rund 280.000 Menschen. Rund ein Viertel der Bevölkerung sind ethnische Komi – ein finno-ugrisches Volk, dessen Sprache mit Ungarisch und Finnisch verwandt ist. und Komi-Syrjansk auf seiner VKontakteVKontakte (sprich: fkontaktje, wörtlich „in Kontakt“) ist ein russisches soziales Medium, das der Jungunternehmer Pawel Durow ab 2006 nach dem Vorbild von facebook aufbaute. Auf dem Gebiet der ehemaligen UdSSR ist es mit über 270 Millionen Profilen das wichtigste seiner Art. Der Medienkonzern mail.ru des kremlnahen Unternehmers Alischer Usmanow kaufte sich 2007 in das Unternehmen ein und ist seit 2014 dessen alleiniger Besitzer. Mehr dazu in unserer Gnose -Seite, die Anordnung des RospotrebnadsorDie geläufige Bezeichnung der russischen Verbraucherschutzbehörde ist eine Abkürzung aus den Worten Rossiski potrebitelski nadsor, also: Russische Verbraucheraufsicht. Der volle Name der Behörde ist „Föderaler Aufsichtsdienst im Bereich des Schutzes der Verbraucherrechte und des menschlichen Wohlbefindens“. sei verfassungswidrig, und kündigte an, die orthodoxe Öffentlichkeit der Region werde gerichtlich dagegen vorgehen. Ähnlich äußerte sich Erzpriester Andrej Tkatschow in seiner Sendung Vater Andrej. Antworten im TV-Kanal ZargradZargrad ist ein russischer Fernsehkanal mit einer streng konservativen und religiös-orthodoxen Ausrichtung. Er wurde 2014 als Online-Sender gegründet und erlangte nach eigener Angabe binnen weniger Wochen eine Reichweite von über vier Millionen Zuschauern. Leiter und Mäzen des Senders ist der russische Oligarch Konstantin Malofejew (geb. 1974). Er bezeichnet sich als „orthodoxen Monarchisten“ und Anhänger einer „neurussischen“ Expansion Russlands. Dabei bezieht er sich auf das ehemalige Zarenreich. Bei dem Namen Zargrad handelt es sich um eine ältere Bezeichnung der Stadt Konstantinopel – der Heimat des russisch-orthodoxen Glaubens. : „Wir sind weder Aufständische noch Revolutionäre, wir wollen keinen Krieg in der Kirche, und die Kirchenleitung muss respektiert werden. Doch es gibt andere Dinge, eine weltliche Macht, die uns einfach schließen will, und es gibt Christus, der auferstanden ist. Es ist schwer vorstellbar, wie man das zu Hause feiern soll.“ 

Zugleich bezweifelte Tkatschow, dass die Bedrohung überhaupt real sei: „Den Zahlen nach ist das doch keine Pandemie!“, echauffierte sich der Erzpriester, der Ende März Berühmtheit erlangt hatte, weil er in Gasmaske zum Gottesdienst erschien und erklärte, man müsse nur den Fernseher ausschalten und schon gebe es keinen Coronavirus mehr.

Mit Gasmaske zum Gottesdienst

Während die Behörden in anderen orthodoxen Ländern unmittelbar nach den ersten bekannt gewordenen Corona-Fällen die Kirchen geschlossen hatten (so hatte Zypern bereits Anfang März Massenveranstaltungen untersagt, einschließlich öffentlicher Gottesdienste), zögerte die Führung der ROK zunächst, derart drastische Maßnahmen zu ergreifen. Die ersten Aufrufe, den Kirchen fernzubleiben und stattdessen in den eigenen vier Wänden zu beten, kamen von staatlicher Seite – und stießen prompt auf aktiven Widerstand bei der orthodoxen Gemeinde und der geistlichen Führung. Erst am 29. März forderte schließlich auch Patriarch Kirill die Gläubigen dazu auf, zu Hause zu beten. 

Das System bröckelt sichtlich

Den Worten von Diakon Andrej KurajewDer Erzdiakon Andrej Kurajew ist ein besonderer Vertreter der Russisch-Orthodoxen Kirche. Er ist in der Öffentlichkeit stark präsent und eckt mit seinen kritischen Positionen häufig in der Kirchenhierarchie an. Im Jahr 2013 deckte er einen Missbrauchsskandal auf und wurde in der Folge aus mehreren Ämtern entlassen. Seine rege Publikationstätigkeit und seine öffentlichkeitswirksamen, kritischen Auftritte führt er trotzdem weiter. Mehr dazu in unserer Gnose zufolge, ist einer der Hauptgründe, warum die Episkopen und Priester zum Kirchgang aufrufen, ihre „schlechte Bildung“. Der Priester ist heutzutage „ein Psychotherapeut für die Armen – ein paar gängige Zitate aus der Heiligen Schrift dienen der Antwort auf die meisten Fragen. Wir haben es mit Verstand auf Ammenmärchen-Niveau zu tun, wo die höchste Bekundung des Glaubens darin besteht, in die Kirche zu gehen, eine Kerze anzuzünden und eine kleine Spende dazulassen“, erklärt der Geistliche.

Andrej Desnizki, Philologe, Bibelwissenschaftler und Professor an der Russischen Akademie der Wissenschaften, erklärte gegenüber Meduza, dass der Kirchgang für viele Vertreter der Geistlichkeit und Gläubige „einer der zentralen Werte“ sei. „Das wurde [den Gläubigen] über Jahrzehnte hinweg eingetrichtert. In die Kirche zu gehen war die Antwort auf alle Fragen: ‚Stimmt etwas nicht? Dann geh in die Kirche! Du verstehst kein Kirchenslawisch? Dann geh in die Kirche!‘ Und jetzt bekommen sie plötzlich zu hören: ‚Geh nicht in die Kirche!‘ Das klingt für sie wie ‚Es gibt keinen Gott!‘ Man kann das finden, wie man will, aber für die meisten hat der Kirchgang höchsten Wert“, erklärt der Fachmann.

Andrej Kurajew dagegen lehnt diese Sichtweise als „kirchenzentriert“ ab: „Gott wohnt nicht in den Holzbalken, sondern in uns; es gibt andere Wege, seine Identität als Christ unter Beweis zu stellen.“ Dabei bezeichnet er die „Starrheit des Denkens“ als das „höhere Motiv“, das von einem „niederen“, praktischeren, begleitet werde: Mit den finanziellen Einnahmen aus dem Massenzustrom der Gläubigen an den Feiertagen müssen alle Kirchen die Diözesanbeiträge bestreiten, aus denen sich das Gesamtkirchenbudget zusammensetzt.

Kurajew rechnet nicht damit, dass den Geistlichen, die trotz der Pandemie zum Kirchgang aufrufen, Strafen von kirchlicher Seite drohen – denkbar wäre das nur, wenn die weltlichen Behörden unzufrieden sind, meint der Würdenträger. Andrej Desnizki schließt wiederum nicht aus, dass Bischöfen und Priestern, die sich der gemeinsamen Linie des Patriarchats widersetzen, Konsequenzen drohen. „Aber das hängt von der konkreten Person und ihrem Verhältnis zur Obrigkeit ab. Das System bröckelt sichtlich, und diese Entwicklung wird zunehmen, die Priesterschaft in den Regionen wird die Anordnungen des Patriarchats immer öfter ignorieren“, prognostiziert Andrej Desnizki.

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Russisch-Orthodoxe Kirche

Die Russisch-Orthodoxe Kirche ist die christliche Kirche mit der größten Glaubensgemeinschaft in Russland. Prägend für ihr Verhältnis zum russischen Staat ist das von der byzantinischen Mutterkirche übernommene Ideal der Symphonie, das heißt einer harmonischen Beziehung zwischen Staat und Kirche. Vor 1917 galt die Orthodoxie neben der Autokratie und dem „Volk“, genauer: einem volksverbundenen Patriotismus, als eine der wichtigsten Stützen des russischen Staates und des Zarenreichs – eine Traditionslinie, die heute wieder wirksam scheint.

Im zaristischen Russland waren staatliche und geistliche Macht stark miteinander verflochten. So wurden der Herrschaftsanspruch und die Legitimität des Zaren direkt von Gott abgeleitet und der neue Zar entsprechend in festlichen Gottesdiensten in sein Amt eingeführt. Administrativ war die Kirche Teil des Staatsapparats, so wurden etwa die Personenstandsakten von der Kirche geführt. Diese Privilegierung der Russisch-Orthodoxen Kirche (ROK) – auch gegenüber anderen Religionsgemeinschaften im multireligiösen Zarenreich – ging dabei Hand in Hand mit zahlreichen Eingriffen in innere Angelegenheiten der ROK. Maßgebliche Kreise der ROK begrüßten daher die Abdankung des Zaren im Februar/März 1917 und sahen darin die Chance für eine größere Autonomie ihrer Kirche.

In der Sowjetunion versuchten die kommunistischen Machthaber zunächst, „fortschrittliche“ Geistliche, die teils für Kirchenreformen stritten, teils auch sozialistischen Ideen anhingen, gegen „reaktionäre“ Geistliche auszuspielen, bevor der Terror in den 1930er Jahren gleichermaßen Anhänger dieser sogenannten „Erneuererbewegung“ wie auch der Patriarchatskirche traf. Trotz dieser katastrophalen Erfahrungen riefen unmittelbar nach dem deutschen Überfall die wenigen überlebenden und noch in Freiheit befindlichen kirchlichen Würdenträger zur Verteidigung des – sowjetischen – Vaterlandes auf und initiierten Spendensammlungen.

Im Herbst 1943 revanchierte sich Stalin mit einer Neuausrichtung der staatlichen Kirchenpolitik, wobei auch außenpolitische Überlegungen zur Neugestaltung Europas maßgeblich waren und der ROK, wie auch anderen Religionsgemeinschaften in der Sowjetunion, eine Rolle als außenpolitischer Akteur zugedacht wurde. Dies bedeutete, dass nach den massiven Angriffen und Verfolgungen die ROK nun wiederum zu einem Instrument staatlicher Politik wurde und entsprechend gesteuert werden musste.

So wurde im Herbst 1943 – nach mehrjähriger Vakanz – die Wiederwahl eines Patriarchen forciert und zugleich ein staatlicher „Rat für die Angelegenheiten der Russisch-Orthodoxen Kirche“ eingerichtet, der als Vermittler der staatlichen Kirchenpolitik galt und zugleich eine Steuerungs- und Kontrollfunktion hatte. Anders als etwa in Polen oder der DDR bot die ROK aufgrund dieser spezifischen historischen Prägungen kein schützendes Dach für etwaige oppositionelle oder dissidentische Aktivitäten. Stattdessen bewegten sich christliche Andersdenkende eher in Strukturen jenseits der ROK.

Nach dem Ende der SowjetunionDer Zerfallsprozess der Sowjetunion begann Mitte der 1980er Jahre und dauerte mehrere Jahre an. Die Ursachen sind umstritten. Während einige hauptsächlich Gorbatschows Reformen für den Zerfall verantwortlich machen, sehen andere die Gründe vor allem in globalen Dynamiken. Eine zentrale Rolle spielte in jedem Fall die Politik der russischen Teilrepublik. Mehr dazu in unserer Gnose erfuhr die ROK als Träger (ethnisch-) russischer Identität sowie moralischer Werte großen Zuspruch. Dem taten auch regelmäßig auftretende Skandale wenig Abbruch, die mit der zeitgleich stark wachsenden engen Verflechtung von Staat und Kirche einhergingen. So galt etwa der seit 2009 amtierende Patriarch KirillIm Jahr 1946 als Wladimir Gundjajew geboren, wurde Kirill 2009 zum Patriarchen der Russisch-Orthodoxen Kirche gewählt. Als solcher setzte er sich für ein stärkeres soziales Engagement der Kirche und eine bessere Klerikerausbildung ein. Gleichzeitig geriet er aufgrund der Annäherung der Kirche an den Kreml und mehrerer Korruptionsskandale in die Kritik. Mehr dazu in unserer Gnose (Gundjajew) in den 1990er JahrenDie 1990er Jahre waren in Russland ein Jahrzehnt des radikalen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruchs. Demokratischer Aufbruch einerseits und wirtschaftlicher Niedergang andererseits prägten die Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion. Mehr dazu in unserer Gnose als „Tabak-Metropolit“, der mit dem Verkauf zollfrei importierter Zigaretten zu Reichtum kam.1 Außerdem gehört es zum guten Ton, dass führende Politiker des Landes öffentlichkeitswirksam die Kirche aufsuchen und eigene Gottesdienste zur Amtseinführung des Präsidenten gefeiert werden. Die Russisch-Orthodoxe Kirche bietet in dieser Perspektive der Tradition des russischen Zarenreichs erneut eine nützliche Ideologie, die den Staat zusammenhält.

Vor diesem Hintergrund bewerten viele Beobachter die ukrainischen Bemühungen zu einer Loslösung von der ROK auch als eine Bedrohung für das geopolitische Selbstverständnis des Kreml. Denn mit der Einschränkung der geistlichen Deutungshoheit über die Ukraine wird auch der Anspruch des Kreml auf die eigene „Interessensphäre“ in dem Land zunehmend fraglicher.


1.Neue Zürcher Zeitung: Angekratztes Image. Patriarch Kyrill hat ein Problem
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