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Corona-Kreuzzug in der Kirche

Zum orthodoxen Osterfest am kommenden Sonntag hat Patriarch Kirill die russischen Gläubigen dazu aufgefordert, nicht in die Kirche zu gehen, sondern zu Hause zu bleiben. Ostern ist das höchste Fest in der Orthodoxen Kirche, es ist mit zahlreichen, auch öffentlichen, Ritualen und Traditionen verbunden. 
Meduza hat versucht herauszufinden, warum es manchen Gläubigen und auch Würdenträgern so schwer fällt, sich an das Kirchgang-Verbot zu halten.

Quelle Meduza

Segnung am Karsamstag in Kaliningrad, 2019. Dieses Jahr wird es solche Bilder nicht geben / Foto © Westpress Kaliningrad archive, image #/CC-BY-SA 4.0

Der Gottesdienst am Palmsonntag – einem der wichtigsten orthodoxen Feiertage – war nun der letzte, bevor alle Kirchen über die Karwoche und Ostern schließen [in der Orthodoxen Kirche wird das Osterfest in diesem Jahr am 19. April gefeiert – dek]. Das erfuhren viele Moskauer Kirchgänger erst aus einem Text, den die Priester vergangenen Sonntag im Anschluss an ihre Predigt verlasen.

In dieser Botschaft werden die Gläubigen im Namen von Patriarch Kirill „schweren Herzens“ aufgefordert, die Anweisungen der Gesundheitsbehörden zu befolgen und zu Hause zu bleiben – an den Ostergottesdiensten solle man per Videoübertragung teilnehmen. 

Zu diesem Zeitpunkt galten in den Moskauer Gemeinden bereits noch nie dagewesene Sicherheitsvorkehrungen, die sich nach den Empfehlungen der Heiligen Synode der Russisch-Orthodoxen Kirche (ROK) vom 17. März 2020 richteten. So wurde beispielsweise der Fußboden der Spiridon-Trimifuntski-Kirche im Bezirk Koptewo im Moskauer Norden im Abstand von anderthalb Metern mit weißen Punkten markiert, auf die sich die Gläubigen während der Messe stellen sollten. Sobald alle Markierungen besetzt waren, wurden die Türen geschlossen. Die Gläubigen mussten außerdem einen Mundschutz tragen, und das Abendmahl wurde unter maximal sterilen Bedingungen abgehalten – soweit dies überhaupt möglich ist. 

In der Kirchenverfassung steht nichts von einem Mundschutz. Aber auch von einem Coronavirus steht da nichts!

Schon bei ihrer Einführung hatten diese Maßnahmen für rege Auseinandersetzungen gesorgt, sowohl unter der orthodoxen Priesterschaft als auch unter den Gläubigen. Bei dem Versuch, der ratlosen Gemeinde die Ernsthaftigkeit der Situation zu vermitteln, rief der Vorsteher der Spiridon-Trimifuntski-Kirche, Sergij: „Viele von euch waren unzufrieden, als sie die Kirche nur mit Mundschutz betreten durften – in der Kirchenverfassung stehe ja nichts von einem Mundschutz. Aber auch von einem Coronavirus steht da nichts!“

Sie müssten die Entscheidungen der weltlichen Behörden akzeptieren und den Kirchen fernbleiben, erklärte Vater Sergij den Gläubigen und sagte, das sei eine einmalige Gelegenheit, sich auf die wahre Bedeutung des Osterfestes als Auferstehung Christi zu konzentrieren – frei von äußeren, weltlichen Attributen wie Kulitschi und Ostereiern.

Manche Amtsträger der Russisch-Othodoxen Kirche widersetzten sich jedoch offen den behördlichen Empfehlungen sowie Patriarch Kirills Aussagen zu den Hygienemaßnahmen angesichts der Corona-Pandemie – die Positionen reichen dabei von der Leugnung der Pandemie als solches bis hin zu Aufrufen, die Entscheidungen der weltlichen Regierung zu sabotieren.

So erklärte Erzbischof Pitirim von Syktywkar und Komi-Syrjansk auf seiner Vkontakte-Seite, die Anordnung des Rospotrebnadsor sei verfassungswidrig, und kündigte an, die orthodoxe Öffentlichkeit der Region werde gerichtlich dagegen vorgehen. Ähnlich äußerte sich Erzpriester Andrej Tkatschow in seiner Sendung Vater Andrej. Antworten im TV-Kanal Zargrad: „Wir sind weder Aufständische noch Revolutionäre, wir wollen keinen Krieg in der Kirche, und die Kirchenleitung muss respektiert werden. Doch es gibt andere Dinge, eine weltliche Macht, die uns einfach schließen will, und es gibt Christus, der auferstanden ist. Es ist schwer vorstellbar, wie man das zu Hause feiern soll.“ 

Zugleich bezweifelte Tkatschow, dass die Bedrohung überhaupt real sei: „Den Zahlen nach ist das doch keine Pandemie!“, echauffierte sich der Erzpriester, der Ende März Berühmtheit erlangt hatte, weil er in Gasmaske zum Gottesdienst erschien und erklärte, man müsse nur den Fernseher ausschalten und schon gebe es keinen Coronavirus mehr.

Mit Gasmaske zum Gottesdienst

Während die Behörden in anderen orthodoxen Ländern unmittelbar nach den ersten bekannt gewordenen Corona-Fällen die Kirchen geschlossen hatten (so hatte Zypern bereits Anfang März Massenveranstaltungen untersagt, einschließlich öffentlicher Gottesdienste), zögerte die Führung der ROK zunächst, derart drastische Maßnahmen zu ergreifen. Die ersten Aufrufe, den Kirchen fernzubleiben und stattdessen in den eigenen vier Wänden zu beten, kamen von staatlicher Seite – und stießen prompt auf aktiven Widerstand bei der orthodoxen Gemeinde und der geistlichen Führung. Erst am 29. März forderte schließlich auch Patriarch Kirill die Gläubigen dazu auf, zu Hause zu beten. 

Das System bröckelt sichtlich

Den Worten von Diakon Andrej Kurajew zufolge, ist einer der Hauptgründe, warum die Episkopen und Priester zum Kirchgang aufrufen, ihre „schlechte Bildung“. Der Priester ist heutzutage „ein Psychotherapeut für die Armen – ein paar gängige Zitate aus der Heiligen Schrift dienen der Antwort auf die meisten Fragen. Wir haben es mit Verstand auf Ammenmärchen-Niveau zu tun, wo die höchste Bekundung des Glaubens darin besteht, in die Kirche zu gehen, eine Kerze anzuzünden und eine kleine Spende dazulassen“, erklärt der Geistliche.

Andrej Desnizki, Philologe, Bibelwissenschaftler und Professor an der Russischen Akademie der Wissenschaften, erklärte gegenüber Meduza, dass der Kirchgang für viele Vertreter der Geistlichkeit und Gläubige „einer der zentralen Werte“ sei. „Das wurde [den Gläubigen] über Jahrzehnte hinweg eingetrichtert. In die Kirche zu gehen war die Antwort auf alle Fragen: ‚Stimmt etwas nicht? Dann geh in die Kirche! Du verstehst kein Kirchenslawisch? Dann geh in die Kirche!‘ Und jetzt bekommen sie plötzlich zu hören: ‚Geh nicht in die Kirche!‘ Das klingt für sie wie ‚Es gibt keinen Gott!‘ Man kann das finden, wie man will, aber für die meisten hat der Kirchgang höchsten Wert“, erklärt der Fachmann.

Andrej Kurajew dagegen lehnt diese Sichtweise als „kirchenzentriert“ ab: „Gott wohnt nicht in den Holzbalken, sondern in uns; es gibt andere Wege, seine Identität als Christ unter Beweis zu stellen.“ Dabei bezeichnet er die „Starrheit des Denkens“ als das „höhere Motiv“, das von einem „niederen“, praktischeren, begleitet werde: Mit den finanziellen Einnahmen aus dem Massenzustrom der Gläubigen an den Feiertagen müssen alle Kirchen die Diözesanbeiträge bestreiten, aus denen sich das Gesamtkirchenbudget zusammensetzt.

Kurajew rechnet nicht damit, dass den Geistlichen, die trotz der Pandemie zum Kirchgang aufrufen, Strafen von kirchlicher Seite drohen – denkbar wäre das nur, wenn die weltlichen Behörden unzufrieden sind, meint der Würdenträger. Andrej Desnizki schließt wiederum nicht aus, dass Bischöfen und Priestern, die sich der gemeinsamen Linie des Patriarchats widersetzen, Konsequenzen drohen. „Aber das hängt von der konkreten Person und ihrem Verhältnis zur Obrigkeit ab. Das System bröckelt sichtlich, und diese Entwicklung wird zunehmen, die Priesterschaft in den Regionen wird die Anordnungen des Patriarchats immer öfter ignorieren“, prognostiziert Andrej Desnizki.

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Im zaristischen Russland waren staatliche und geistliche Macht stark miteinander verflochten. So wurden der Herrschaftsanspruch und die Legitimität des Zaren direkt von Gott abgeleitet und der neue Zar entsprechend in festlichen Gottesdiensten in sein Amt eingeführt. Administrativ war die Kirche Teil des Staatsapparats, so wurden etwa die Personenstandsakten von der Kirche geführt. Diese Privilegierung der Russisch-Orthodoxen Kirche (ROK) – auch gegenüber anderen Religionsgemeinschaften im multireligiösen Zarenreich – ging dabei Hand in Hand mit zahlreichen Eingriffen in innere Angelegenheiten der ROK. Maßgebliche Kreise der ROK begrüßten daher die Abdankung des Zaren im Februar/März 1917 und sahen darin die Chance für eine größere Autonomie ihrer Kirche.

In der Sowjetunion versuchten die kommunistischen Machthaber zunächst, „fortschrittliche“ Geistliche, die teils für Kirchenreformen stritten, teils auch sozialistischen Ideen anhingen, gegen „reaktionäre“ Geistliche auszuspielen, bevor der Terror in den 1930er Jahren gleichermaßen Anhänger dieser sogenannten „Erneuererbewegung“ wie auch der Patriarchatskirche traf. Trotz dieser katastrophalen Erfahrungen riefen unmittelbar nach dem deutschen Überfall die wenigen überlebenden und noch in Freiheit befindlichen kirchlichen Würdenträger zur Verteidigung des – sowjetischen – Vaterlandes auf und initiierten Spendensammlungen.

Im Herbst 1943 revanchierte sich Stalin mit einer Neuausrichtung der staatlichen Kirchenpolitik, wobei auch außenpolitische Überlegungen zur Neugestaltung Europas maßgeblich waren und der ROK, wie auch anderen Religionsgemeinschaften in der Sowjetunion, eine Rolle als außenpolitischer Akteur zugedacht wurde. Dies bedeutete, dass nach den massiven Angriffen und Verfolgungen die ROK nun wiederum zu einem Instrument staatlicher Politik wurde und entsprechend gesteuert werden musste.

So wurde im Herbst 1943 – nach mehrjähriger Vakanz – die Wiederwahl eines Patriarchen forciert und zugleich ein staatlicher „Rat für die Angelegenheiten der Russisch-Orthodoxen Kirche“ eingerichtet, der als Vermittler der staatlichen Kirchenpolitik galt und zugleich eine Steuerungs- und Kontrollfunktion hatte. Anders als etwa in Polen oder der DDR bot die ROK aufgrund dieser spezifischen historischen Prägungen kein schützendes Dach für etwaige oppositionelle oder dissidentische Aktivitäten. Stattdessen bewegten sich christliche Andersdenkende eher in Strukturen jenseits der ROK.

Nach dem Ende der Sowjetunion erfuhr die ROK als Träger (ethnisch-) russischer Identität sowie moralischer Werte großen Zuspruch. Dem taten auch regelmäßig auftretende Skandale wenig Abbruch, die mit der zeitgleich stark wachsenden engen Verflechtung von Staat und Kirche einhergingen. So galt etwa der seit 2009 amtierende Patriarch Kirill (Gundjajew) in den 1990er Jahren als „Tabak-Metropolit“, der mit dem Verkauf zollfrei importierter Zigaretten zu Reichtum kam.1 Außerdem gehört es zum guten Ton, dass führende Politiker des Landes öffentlichkeitswirksam die Kirche aufsuchen und eigene Gottesdienste zur Amtseinführung des Präsidenten gefeiert werden. Die Russisch-Orthodoxe Kirche bietet in dieser Perspektive der Tradition des russischen Zarenreichs erneut eine nützliche Ideologie, die den Staat zusammenhält.

Vor diesem Hintergrund bewerten viele Beobachter die ukrainischen Bemühungen zu einer Loslösung von der ROK auch als eine Bedrohung für das geopolitische Selbstverständnis des Kreml. Denn mit der Einschränkung der geistlichen Deutungshoheit über die Ukraine wird auch der Anspruch des Kreml auf die eigene „Interessensphäre“ in dem Land zunehmend fraglicher.


1.Neue Zürcher Zeitung: Angekratztes Image. Patriarch Kyrill hat ein Problem
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