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Dekabristen

Als „adelige Revolutionäre“ beschrieb Wladimir LeninNach der Februarrevolution, die zur einer Doppelherrschaft von Provisorischer Regierung und Arbeiter- und Soldatensowjet geführt hatte, fixierte sich Lenin auf den gewaltsamen Sturz der Provisorischen Regierung. Die bolschewistische Partei wurde zum Anziehungspunkt für alle unzufriedenen, radikalen und anarchistischen Elemente, die durch die revolutionären Ereignisse aufgewühlt worden waren. Nach dem misslungenen Juliaufstand nutzte Lenin die politische Krise und das Machtvakuum aus, um seine Strategie des bewaffneten Aufstandes im Oktober 1917 zu verwirklichen.  die russischen Offiziere, die sich im Dezember 1825 zum Aufstand gegen den Zaren entschlossen. Tatsächlich prägte der Aufstand der sogenannten Dekabristen die Entwicklung des Russischen Reichs im 19. Jahrhundert maßgeblich.

Am 14. Dezember 1825 (julianischer ZeitrechnungAm 26. Januar 1918 verabschiedete die bolschewistische Regierung ein Dekret über den Übergang zum gregorianischen Kalender. Damit holte man 13 Tage Unterschied in der Zeitrechnung zwischen Russland und den meisten europäischen Ländern auf und wollte dem „chronologischen Doppeldenken“ ein Ende setzen. Da die Russisch-Orthodoxe Kirche den „neuen“ Kalender nicht akzeptierte und kirchliche Feiertage weiter nach dem julianischen Kalender feierte, kam es zur sogenannten „Doppelherrschaft der Zeitregime“. Prominentestes Beispiel dafür ist die gleichzeitige Existenz des Neujahrsfestes (am 1. Januar) und des „alten“ Neujahrsfestes (am 14. Januar).) versammelten sich im Verlauf des Tages etwa 3000 russische Offiziere auf dem Petersburger Senatsplatz (russ. Senatskaja Ploschtschad). In einem bis dahin beispiellosen Vorgang in der russischen Geschichte verweigerten sie dem neuen Zaren Nikolaus I.Nikolaus I. (1796–1855) war zwischen 1825 und 1855 Kaiser von Russland. In seine Regentschaft fiel der Dekabristen-Aufstand – eine revolutionäre Bewegung gegen die zaristische Autokratie. Nikolaus I. ließ den Aufstand niederschlagen, in der Folge war seine Herrschaft von Repressionen und Konsolidierung des autoritären Regimes geprägt.   die Gefolgschaft. Dieser Erhebung war eine sich über etwa zwei Wochen erstreckende Unklarheit über die Thronfolge vorangegangen: Schon am 19. November war Zar Alexander I. gestorben, und die Petersburger Elite war zunächst davon ausgegangen, dass sein Bruder Konstantin ihm folgen würde. Dieser allerdings lebte in einer nicht standesgemäßen Ehe in Warschau und weigerte sich, den Thron zu besteigen. Aus Sicht der später als Dekabristen bekannten Offiziere war dies ein willkommener, wenn auch unerwarteter, Anlass sich gegen das zaristische Regime zu stellen.

Ursprünge des Dekabristen-Aufstandes

„Wir waren Kinder von 1812“ schrieb der Dekabrist Matwej Murawjew-Apostol in seinen Memoiren, und in der Tat reichten die Ursprünge des Dekabristen-Aufstands mindestens so weit zurück. In diesem Jahr kämpften einige der späteren Aufständischen als junge Offiziere im Vaterländischen Krieg gegen Napoleon. Der Krieg und die folgenden ausländischen Feldzüge endeten nicht nur mit einem russischen Sieg, sondern brachten die adeligen militärischen Eliten mit den politischen Ideen im westlichen Europa nach 1789 in direkten Kontakt. Hier galt die Macht des Monarchen nicht mehr als unantastbar, und in vielen Staaten war die LeibeigenschaftLeibeigene im zaristischen Russland waren zumeist Bauern, die im Besitz des Gutsherrn waren; sie mussten sein Land bewirtschaften und für die eigene Bewirtschaftung seines Landes Abgaben zahlen. Die Leibeigenschaft wurde 1861 abgeschafft, in der Regel jedoch blieben die Bauern von den Gutsherren wirtschaftlich abhängig. der Bauern bereits aufgehoben worden. Noch wichtiger war aber die gemeinsame Kriegserfahrung von russischen Bauern und Adeligen. Sie änderte das Bild, das sich die Offiziere von den russischen Bauern machten. Sie galten den späteren Aufständischen nun als die Verkörperung des russischen Vaterlands, deren fortwährende Unterdrückung inakzeptabel war.

Diese Erfahrungen und Ideen prägten die Offiziere nach ihrer Rückkehr nach Russland.

Sie organisierten sich in geheimen Gesellschaften, in denen sie politische Zukunftsvisionen für ihre Heimat entwarfen. Ihnen schlossen sich auch eine Reihe von gebildeten Offizieren an, die selbst nicht im westlichen Europa gekämpft hatten. Politische Einigkeit bestand zwischen den unterschiedlichen Bündnissen allerdings nicht: während Pawel Pastel im Südbund eine Verfassung für ein künftiges, republikanisches Russland entwarf, befürwortete der sogenannte Nordbund unter Führung von Nikita Murawjew lediglich die Einschränkung der Macht des Zaren und die Abschaffung der Leibeigenschaft der russischen Bauern.

Scheitern des Aufstandes

Nur mit dieser Vorgeschichte lässt sich die Erhebung von 1825 erklären. Erfolgreich waren die Aufständischen allerdings nicht. Die Abwesenheit eindeutiger Führungsfiguren und die eigene Planlosigkeit erleichterten die gewaltsame Niederschlagung des Aufstands noch am selben Tag. Fünf der Revolutionäre wurden später erhängt, eine ungleich größere Zahl ins Exil nach Sibirien geschickt. Viele von ihnen widmeten sich dort der Bildungs-, Sozial- und Kulturarbeit und hatten so in den folgenden Jahrzehnten einen erheblichen Einfluss auf die sibirische Gesellschaft. Aber auch für das autokratische Gefüge waren die Folgen des Dekabristen-Aufstands immens. Zar Nikolaus I. war von der offenen Infragestellung der Autokratie traumatisiert, was sich auch auf seine Herrschaft (1825–1855) auswirkte.

Der Aufstand aus Sicht der Forschung

Lange Zeit hat die historische Forschung seine Politik als eine reaktionäre Ära gedeutet, die vor allem darauf bedacht gewesen sei, die Herrschaft des Zaren zu zementieren und Russland vor den Ideen der Französischen Revolution zu schützen. In der Tat war Nikolaus I. ein zutiefst konservativer Staatsmann, für den die Einschränkung monarchischer Herrschaft undenkbar war. Allerdings hat die jüngere Forschung inzwischen darauf verwiesen, dass die Erfahrung des Dekabristen-Aufstands auch ein Katalysator für vorsichtige Reformen von oben war, etwa in der Verwaltung und im Militär. Diese wiederum hätten die Grundlagen für zumindest einige der Großen ReformenAls Reformen Alexanders II. (auch: die Großen Reformen) wird ein Bündel von Gesetzesänderungen bezeichnet, von denen die Abschaffung der Leibeigenschaft 1861 als die wichtigste gilt. Durch weitreichende Strukturreformen sollte das Russische Reich auf die neuen Herausforderungen der Industrialisierung vorbereitet und weiter an europäische Normen herangeführt werden. von Zar Alexander II. in den 60–70er Jahren des 19. Jahrhunderts gelegt.1


1.So zum Beispiel A.I. Polunov (2005): Russia in the nineteenth century. Autocracy, reform and social change, New York 
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Zar Alexander III. (1845–1894) regierte Russland als vorletzter Kaiser (1881–1894). Seine Regierungszeit prägten eine repressive Innen- und eine auf Ausgleich bedachte Außenpolitik. Am Ende des 19. Jahrhunderts fühlte er sich zunehmend vor Herausforderungen der Moderne gestellt, sei es in Gestalt politischer Ideen wie des Liberalismus oder durch technische Innovationen wie dem Projekt der Transsibirischen Eisenbahn.

Die Reformen Alexanders II.

Als Reformen Alexanders II. (auch: die Großen Reformen) wird ein Bündel von Gesetzesänderungen bezeichnet, von denen die Abschaffung der Leibeigenschaft 1861 als die wichtigste gilt. Durch weitreichende Strukturreformen sollte das Russische Reich auf die neuen Herausforderungen der Industrialisierung vorbereitet und weiter an europäische Normen herangeführt werden.

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Der Krimkrieg (1853–1856) war eine militärische Auseinandersetzung zwischen Russland und einer Koalition aus dem Osmanischen Reich, Frankreich, Großbritannien sowie Piemont-Sardinien, die aus konkurrierenden Territorialansprüchen in Südosteuropa entstand. Russland erlitt eine verlustreiche Niederlage, die der Staatsführung die technologische und soziale Rückständigkeit des Landes vor Augen führte. Gleichwohl werden mit dem Krimkrieg bis heute heroische Motive der aufopfernden Verteidigung der Stadt Sewastopol verknüpft.

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