Russland (zwangs-)rekrutiert Soldaten an Hochschulen

Russland wirbt um Rekruten. An Hochschulen werden Studierende auch zwangsrekrutiert.
„Sie sagen dir, dass Computerspiele Zeitverschwendung sind? Es gibt aber Bereiche, in denen deine Kompetenz sehr wertvoll ist“/ Screenshot © Werbevideo des „Verteidigungsministeriums“ für Rekrutierung als angebliche Drohnenpiloten.

Im November 2025 hat das russische Verteidigungsministerium die Aufstellung neuer „unbemannter Fliegereinheiten“ bekanntgegeben. Kurz darauf begannen die Behörden mit der gezielten Anwerbung von Studierenden an Universitäten, Hoch- und Berufsschulen. Neben Agitationsveranstaltungen, Plakaten und Online-Anwerbe-Events werden Studierende zunehmend auch in persönlichen Gesprächen von Lehrkräften in die Reihen der russischen Invasionsarmee gedrängt. Dabei verspricht man den Studierenden oft einen sicheren und gut bezahlten Job weit weg von der Front, „garantiert“ ihnen die Entlassung aus dem Militärdienst nach einem Jahr und den Erhalt ihres Studienplatzes.

Journalist:innen von Verstka berichten, wie viele Studierende sich so tatsächlich rekrutieren lassen und warum den „befristeten“ Verträgen nicht zu trauen ist.


„Wer sich für einen Mann hält, hebt jetzt bitte die Hand. Sind hier überhaupt Männer im Saal? Nein? Ich schäme mich für euch! Zieht doch gleich die Hosen aus, tragt Röcke und Schleifchen im Haar! Wozu haben eure Mütter euch erzogen? Zu Schlappschwänzen oder künftigen Vätern? Oder sollen wir uns ergeben? Und sagen: ‚Chochly, ihr habt gewonnen?‘ Wie stellt ihr euch das vor?“

In der Aula der Staatlichen Hochschule für Ingenieurwesen in Woronesh haben sich die Studierenden mehrerer Jahrgänge versammelt. Es herrscht Anwesenheitspflicht – wer da ist, wird auf der Liste abgehakt. Der Redner ist Alexej Skrypnikow, Dekan der Fakultät für Steuerung und Informatik technischer Systeme. Laut und aufgebracht erzählt er von „einem Video, das ich selbst gesehen habe und bei dem mir die Haare zu Berge standen“:

„Eine junge Frau rennt davon, sie ist schwanger. Zwei grobe Kerle stellen sich ihr in den Weg. Sie fangen sie ein, verdrehen ihr die Arme und schlitzen ihr den Bauch auf. Sie zerren das Kind heraus, werfen es hoch und fangen es auf der Messerspitze auf. Und das sollen Menschen sein? Das sind doch Unmenschen, kapiert ihr das? Nazis sind das!“

Der Dekan legt eine theatralische Pause ein. Das Auditorium schweigt. Er schildert, wie ukrainische Soldaten angeblich „Gefangene behandeln“, sie „kastrieren“, ihnen „Montageschaum in den Hintern“ spritzten. Er wird emotional:

„Wie wollt ihr euren Freundinnen denn in die Augen schauen, wenn sie vergewaltigt werden? Habt ihr eine Freundin? Stellt euch mal vor, wie die Faschisten sie vergewaltigen. Wie sie eure Mütter misshandeln. Habt ihr darüber mal nachgedacht? Sie malträtieren uns, und wir lassen es zu. Und jeder von euch denkt sich: ‚ Geht mich nichts an, ich bin Student.‘ Dabei studiert die Hälfte von euch doch gar nicht mal richtig, sondern zockt oder jobbt. Zehn Prozent von euch wollen gern aufwiegeln. Ist euch etwa irgendwer was schuldig? Oder glaubt ihr, der Staat muss alles für euch tun? Gar nichts schuldet er euch!“

Ein Raunen geht durchs Publikum. Dann erzählt ein anderer Redner den Studierenden von der Möglichkeit, in den Drohneneinheiten zu dienen: „Wir haben eine exzellente Armee, sie kommt wunderbar zurecht. Aber jetzt geht es darum, unsere Frontkämpfer zu unterstützen, da steht folgende Aufgabe an: Wir bitten euch um Hilfe – nicht auf die harte Tour. Aber denkt daran, dass euer Vater wahrscheinlich genauso mit euch reden wird wie Alexej Skrypnikow gerade eben.“

„Das echte Leben ist cooler als ein Simulator“

Seit Dezember 2025 finden in Bildungseinrichtungen „Informationsveranstaltungen“, „Unterricht in Mut und Tapferkeit“ und „Gespräche über das Wichtige“ statt. Sie werden entweder von der Verwaltung oder von Gästen abgehalten, etwa von Mitarbeitenden der Rekrutierungsstellen oder Kämpfer:innen der „militärischen Spezialoperation“ – darunter Absolvent:innen der jeweiligen Hoch- oder Fachschulen, die sich bereits verpflichtet haben. Alle sprechen über die „neue Truppengattung“ und ihre Zugangsvoraussetzungen.

Daten von Verstka zufolge [März 2026 – dek] sind solche Veranstaltungen für Studierende bereits an mindestens 203 Bildungseinrichtungen in ganz Russland – einschließlich der annektierten Krym und der besetzten ukrainischen Gebiete – durchgeführt worden, davon 91 Universitäten und 112 Berufs- und Fachhochschulen. Die meisten sind auf technische Fächer spezialisiert. Aber auch Studierende geisteswissenschaftlicher Fakultäten und Studierende der Medizin werden zu Rekrutierungsvorträgen eingeladen. Das Programm umfasst auch die besetzten Gebiete der Ukraine.

„Stellt euch vor, ihr kommt morgens in die Uni und werdet in der Eingangshalle vom OMON, der Nationalgarde, der Polizei und einer Hundestaffel begrüßt. Und jeder erzählt euch gern vom schweren Joch des Vaterlandsverteidigers und zeigt euch Dinge aus der Praxis“, so lockt ein Bericht in einer Chatgruppe der Staatlichen Wirtschaftsakademie Samara. „Die Soldaten erzählten von den Möglichkeiten des Beitritts zu einer neuen Truppengattung – den Einheiten für unbemannte Luftfahrzeuge.“

Rekrutierer werben am 24. Februar 2026 Studierende der Industrie- und Agrarhochschule Surasch an / Foto: Verstka/VKontakte/MediaArt

Nach den Fotos zu urteilen sitzen vor allem junge Männer im Publikum, zwischendurch sind jedoch auch Studentinnen zu sehen. Am Institut für Wassertransport in Jakutsk hieß es ausdrücklich, die Drohneneinheiten würden auch junge Frauen akzeptieren. Und wenn mehrere Frauen sich bewerben würden, würden sie alle demselben Dienstort zugewiesen. An der Eisenbahnfachschule in Dagestan gab es eine eigene Veranstaltung für Eltern von Schülerinnen und Schülern.

Ergänzend zu den Vorträgen werden Filme über Drohnen gezeigt. Ein Woronesher Student berichtete Verstka von einer Veranstaltung für Studierende zweier Fachrichtungen am 18. Februar 2026 in einer Unterrichtspause. Vor der Ansprache der Militärs wurden Bilder an die Leinwand gebeamt: Flaggen, technische Ausrüstung, Start und Zielausrichtung von Drohnen, Soldaten mit Joysticks in der Hand. „Man sah ‚westliche Gamer‘ (gewöhnliche Leute in Zivil) und ‚russische Gamer‘ (einen Uniformierten mit Joystick)“, erinnert sich der Student. „Danach kam die Texteinblendung: ‚Das Leben ist cooler als ein Simulator‘ – das heißt, es ist cooler, auf echte Feinde zu schießen als auf virtuelle.“

dekoder

Der fliegende Tod

Alles, was unter freiem Himmel passiert, muss schnell gehen, denn der fliegende Tod lauert überall. In Cherson attackieren russische Truppen vom gegenüberliegenden Dnipro-Ufer aus rund um die Uhr jede noch so zivile Bewegung mit Kamikaze-Drohnen. Die Foto-Reportage von Lieselotte Hasselhoff und Gerd Waliszewski taucht tief ein in weniger offensichtliche Aspekte des Alltags einer ukrainischen Frontstadt unter Russlands Drohnenterror.

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Manchmal kommen sie mit echtem Kriegsgerät an die Universitäten. So wurden an der Staatlichen Universität Nowosibirsk „echte Drohnen vorgeführt“ und in einer Filiale der Staatlichen Agrarhochschule Brjansk ein Multicopter. Und auf dem Campus der Higher School of Economics in Moskau fand am 24. Februar ein Drohnenfestival statt, bei dem man an Drohnen-Wettflügen teilnehmen konnte.

Diese Veranstaltungen sind keine spontanen Ereignisse, sondern werden von den Leitungen der Hoch- und Fachschulen gezielt organisiert. So wurden die Dekan:innen und Direktor:innen der Technischen Universität Samara bei einer Konferenz im Dezember 2025 angewiesen, Vertreter:innen des militärischen Ausbildungszentrums zur Rekrutierung von Drohneneinheiten einzuladen. An der Energiewirtschaftsfachschule Irkutsk erklärte ein Mitarbeiter der Rekrutierungsbehörde den Lehrkräften, wie man Studierende anwirbt. Und die genossenschaftliche Ingenieurhochschule in Stawropol berief sich auf den Beschluss einer „regionalen Arbeitsgruppe zur Organisation von Informations-, Agitations- und Aufklärungsarbeit“.

Eingeladen werden die Studierenden in der Regel über öffentliche Social-Media-Gruppen und geschlossene Chats, in denen die Studierendenvertretungen die Ankündigungen des Lehrkörpers posten. Manchmal werden Tricks angewandt, damit auch wirklich alle kommen. So wurden etwa die Studierenden des Moskauer Panow-Colleges zu einer Informationsveranstaltung über Prüfungen und Abschlüsse eingeladen, tatsächlich wurde stattdessen für den Vertragsdienst in den Drohneneinheiten geworben.

„Vielleicht gibt es Dinge, die Ihnen innerlich zu schaffen machen“

Ein Student der Plechanow-Wirtschaftsuniversität in Moskau berichtet Verstka, dass er und seine Kommilitonen am 17. Februar direkt aus dem Unterricht zu einem „Gespräch mit dem Prorektor“ geholt wurden. Ohne ihnen das Thema zu nennen, brachte man sie in ein anderes Gebäude. Dort in der Aula saßen die Studierenden der gesamten Fakultät, etwa 150 bis 200 Personen. Prorektor Michail Netschajewski hielt einen Vortrag, von dem Verstka eine Audioaufzeichnung vorliegt.

„Vielleicht gibt es Dinge, die Ihnen innerlich zu schaffen machen“, beginnt Netschajewski, um dann sofort zu versichern: „Der Vertrag ist auf ein Jahr befristet, zwei bis drei Monate davon sind Ausbildungszeit.“

Dann zählt er die Vorteile des Drohnendienstes auf: „Sie behalten Ihren Studienplatz“, „Sie bleiben in sicherer Entfernung von der Front“, „Sie erhalten alle Zahlungen genau wie andere Soldaten“ – das seien in Moskau mindestens 5,2 Mio. Rubel [derzeit ca. 56.000 Euro] pro Jahr. Nach dem Dienst habe man Vorrang bei der Zulassung zum Masterstudium.

Übersicht der Bonuszahlungen für die Zerstörung verschiedener Objekte – darunter auch ziviler Bahnhöfe und Häfen – mittels Drohnen / Quelle: Verstka/Handbuch des „Verteidigungsministeriums“ für die Leiter militärischer Ausbildungszentren an staatlichen Bildungseinrichtungen.

Alle diese „Boni“ stehen im Handbuch des Verteidigungsministeriums für die Leiter militärischer Ausbildungszentren an staatlichen Bildungseinrichtungen. Auf der Website der Bezirksverwaltung von Sewernoje in der Oblast Nowosibirsk fand Verstka außerdem ein umfassendes Dokument mit dem Titel Vorteile des vertragsbasierten Militärdienstes in den Drohneneinheiten.

Darin ist die Rede von:

  • „garantierter Entlassung“ nach einem Jahr, wenn der oder die Studierende keinen neuen Vertrag abschließen will;
  • „Ableistung des Wehrdienstes ausschließlich in den Einheiten für unbemannte Luftfahrzeugsysteme“;
  • dem Erwerb „einzigartiger Kenntnisse und Fertigkeiten“, die „in vielen Wirtschaftszweigen“ gefragt seien;
  • „hohen Zusatzzahlungen“ für das Zerstören feindlichen Kriegsgeräts.

Aus den Social-Media-Posts der Bildungseinrichtungen geht hervor, dass auf den Rekrutierungsversammlungen diese „Vorteile“ sehr betont werden. Prorektor Netschajewski nannte noch einen weiteren Vorteil, der in den Handbüchern nicht aufgeführt ist: Im Prinzip brauche man für den Dienst in Drohneneinheiten keine akademische Beurlaubung. Man verliere kein Studienjahr und könne Prüfungen online ablegen: „Sie können eure Handys behalten und uns jederzeit erreichen“.

Manche Bildungseinrichtungen möchten ihre Studierenden zusätzlich zum Drohnendienst motivieren. Laut einem Erlass der Technischen Fachschule für Elektronik und Maschinenbau in Wjatsk, auf den Verstka gestoßen ist, können Studierende im Drohnendienst mit „materieller Unterstützung in Höhe des bis zu 60-fachen Stipendienbetrags“ rechnen. Das Stipendium liegt nach den Richtlinien von 2017 in der Regel bei 1500 Rubel [ca. 16 Euro]. An der Staatlichen Universität Sankt Petersburg gibt es einem Bericht des lokalen Onlinemediums Fontanka zufolge Einmalzahlungen in Höhe von 50.000 Rubel [ca. 530 Euro].

Die Wolga-Fachhochschule für Wassertransport bevorzugt beim Wechsel von der kostenpflichtigen zur hochschulfinanzierten Ausbildung Studierende, die den Vertrag unterzeichnen. Falls die Zahl der hochschulfinanzierten Studienplätze nicht ausreicht, werden ihnen die Studiengebühren zu 100 Prozent erlassen.

Am Ende der Veranstaltung war von Prorektor Netschajewski noch zu vernehmen: „Das Thema ist komplex. Der Staat hat da, milde ausgedrückt, Widersacher. Es kursieren unterschiedliche Informationen, die Sie auch ganz woanders hinlenken können.“

„Die Sache ist hundertprozentig ohne – wie sage ich das jetzt jugendfrei – ohne Betrug“

Das „Informationsfeld“ lässt tatsächlich Zweifel aufkommen. Unabhängige Expert:innen haben die „einjährigen Sonderverträge“ öffentlich als Trick bezeichnet, mit dem man Studierende in die Armee lockt. Auch Verstka hat anhand von Auskünften von Rekrutierungsstellen und Jurist:innen bereits berichtet, dass alle Standardverträge automatisch verlängert werden, solange in Russland die Teilmobilisierung in Kraft ist. Auf solche Zweifel geht das Rekrutierungspersonal gesondert ein.

Berufsschülerinnen und -schüler aus Anapa und Slawjansk-na-Kubani versuchen sich beim Forum „Piloten der neuen Zeit“ an der Steuerung von Drohnen (Februar 2026) / Foto: Verstka/VKontakte/Noworossiski rabotschi

Viele Bildungseinrichtungen geben am Ende ihrer Posts Kontaktdaten oder eine Büroadresse an, an die man sich mit offenen Fragen wenden kann. Ein Journalist von Verstka rief an der Technischen Fachhochschule Erster Mai in der Oblast Tscheljabinsk an. Am anderen Ende meldete sich ein Vertreter der Streitkräfte, der bereits seit Längerem Studierende zum militärischen Vertragsdienst motiviert, wie ein Medienbericht von 2022 belegt.

Unser Journalist stellte sich als Student vor und formulierte seine Bedenken, einen einjährigen Vertrag abzuschließen, weil ja alle Verträge als unbefristet gelten würden, solange die Mobilisierung in Kraft sei. Die Antwort des Militärs klang angespannt:

„Wieso denn? Nein, nein, nein, wo denken Sie hin? Der Vertrag gilt ein Jahr. Die Sache ist hundertprozentig ohne – wie sage ich das jetzt zitierfähig und jugendfrei – ohne Betrug. Ich habe Ihnen [bei der Versammlung] doch alles gezeigt, den Vertrag und den Anhang. Da stand alles drin. Garantierte Dienstzeit von einem Jahr! Dieser Anhang wird vom Chef unterschrieben und abgestempelt. Und ein Exemplar verbleibt bei Ihnen.“

Der Rekrutierer beteuerte außerdem, die Studierenden würden laut diesem Vertrag ausschließlich in den Drohneneinheiten eingesetzt, nirgendwo sonst:

„Im Anhang steht, dass Sie nicht versetzt werden. Es gibt verschiedene Arten von Drohnen. Bei den Nahkampfdrohnen sind Sie fünfzehn bis zwanzig Kilometer [von der Front] entfernt, bei der Fernaufklärung ist die Distanz viel größer. Aber Sie kommen nicht zu den Stoßtrupps, Sie werden auf keinen Fall im Sturm eingesetzt.“

Zudem bekämen die Studierenden akademischen Urlaub und könnten ihr Studium ein Jahr später fortsetzen: „Wenn Sie im letzten Jahr sind, können Sie vorzeitig eine externe Diplomprüfung ablegen – das ist alles mit den Unis abgesprochen.“

An der Fernöstlichen Föderalen Universität in Wladiwostok nahm den Anruf des Verstka-Journalisten die Abteilung für Mobilisierungsarbeit und Wehrdiensterfassung entgegen. Der Mitarbeiter erwähnte im Gespräch, dass er zugleich bei der Rekrutierungsstelle beschäftigt sei. Auch er versicherte, man könne den „Sondervertrag“ nach einem Jahr einfach auslaufen lassen, und bot an, ihn sofort per Post zuzuschicken.

Mancherorts wartet man gar nicht erst auf die Anrufe von Interessent:innen, sondern lädt sie einzeln zum persönlichen Gespräch. Der Student der Plechanow-Wirtschaftsuniversität erzählte Verstka von einem solchen Gespräch, das ein Dozent seines Lehrstuhls wenige Tage nach der Versammlung mit ihm geführt hat. Der Dozent berief sich auf eine Weisung, mit jedem jungen Mann ein vierzig- bis fünfzigminütiges Einzelgespräch zu führen und alle Vorteile des Vertrages anzupreisen, besonders die wirtschaftlichen: Fünf Millionen Rubel [ca. 53.000 Euro] bei nur einem Jahr Dienst. „Ja klar. Wer’s glaubt“, so der ironische Kommentar des Studenten.

Vertreter des Leningrader Militärbezirks sprechen vor Studierenden des 4. Studienjahrs an der Sankt Petersburger Elektrotechnischen Universität „LETI“ über die Rekrutierung für die Einheiten unbemannter Systeme (13.02.2026) / Foto: Verstka/VKontakte-Seite der St. Petersburger Elektrotechnischen Universität.

Laut dem Gesprächspartner von Verstka werde in den Einzelgesprächen oft versichert, man komme ganz bestimmt nicht an die Front. Man säße in einem Bunker auf mindestens 70 Kilometer Abstand, da könne gar nichts passieren. „Fast ein Kinderspiel“, spöttelt der junge Mann. Hartnäckig werde versucht, die Eltern einzubeziehen und auch sie zu überzeugen, dass einem danach alle Türen offenstünden.

„Als ich sagte, das sei doch nah an der Front und gefährlich, hieß es, man sei doch auch in Moskau nicht sicher. Auch hier gebe es Drohnenangriffe, und dort säße man wenigstens geschützt im Bunker“, so der Student. „Mein Glück war, dass der Dozent, mit dem ich sprach, halbwegs in Ordnung war. Er stand offenbar nicht wirklich hinter der Idee, Studenten in den Krieg zu schicken, deshalb lief es ziemlich locker.“

Eine Studentin aus dem Süden Russlands erzählte Verstka, dass an ihrer Universität nicht alle Lehrkräfte die Idee mit den Verträgen gut finden: „Die stellvertretende Dekanin für Bildungsarbeit hat ganz offen zu uns gesagt: ‚Unterschreibt bloß nichts, auf keinen Fall, das ist der Tod, ein Horror.‘ Man erwarte von ihr, dass sie uns da hineinziehe, aber sie werde sich diese Sünde nicht auf sich laden.“

Auf der Website für staatliche Dienstleistungen findet man ein Handbuch mit Fragen und Antworten zum „Vertragsdienst in den Einheiten für unbemannte Luftfahrzeugsysteme“. Es gibt auch eine vom Bildungsministerium der Region Chabarowsk überarbeitete Fassung „zur Verwendung in Gruppen- und Einzelgesprächen“.

In dem Handbuch heißt es: „Der Vertrag garantiert die Option, nach Ablauf seiner Gültigkeit aus dem Militärdienst auszuscheiden, wenn der Soldat nicht den Wunsch nach einem neuen Vertrag geäußert hat.“ Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Drohneneinheiten keine Ausländer aufnehmen.

Als Altersgrenzen für die Bewerbung werden 18 bis 35 Jahre für Piloten von FPV-Drohnen, 18 bis 45 Jahre für alle anderen genannt. Frauen können den Einjahresvertrag abschließen, „wenn es im Militär freie Posten gibt, die mit Militärdienstleistenden weiblichen Geschlechts besetzt werden können“.

„Wer den Anforderungen nicht genügt, kommt zur Infanterie“

Was die Werber und die Handbücher als „Sondervertrag“ bezeichnen, ist in Wirklichkeit ein Standardvertrag mit dem Verteidigungsministerium. Er ist wie alle diese Verträge unbefristet, solange das Dekret über die Teilmobilisierung gilt. Neu ist lediglich der Anhang zur Ableistung des Militärdienstes in den Einheiten für unbemannte Luftfahrzeugsysteme. Die Passage, die zur Beendigung des Dienstes nach einem Jahr berechtigt, steht ausschließlich in diesem Anhang.

Auf der Website der Bezirksverwaltung von Tulun (Region Irkutsk) hat Verstka ein Muster des Vertrags samt Anhang gefunden. Der Anhang kann auch auf der Website der Pädagogischen Uljanow-Hochschule in Uljanowsk eingesehen werden.

Die Überschrift des Anhangs ist mit folgender Fußnote versehen: „Wird bei der Ernennung für eine Besetzung militärischer Posten ausgefüllt, die mit der Anwendung und dem Betrieb von Drohnensystemen zusammenhängen.“ Das bedeutet: Wenn der Kandidat das Auswahlverfahren für die Drohneneinheiten nicht besteht, gilt für ihn der Standardvertrag mit dem Verteidigungsministerium.

„Wer die Anforderungen nicht erfüllt, kommt zur Infanterie. Und die Zuweisung erfolgt erst nach Vertragsabschluss“, so der Militärjurist Artjom Klyga, Leiter der Rechtsabteilung der Bewegung für Kriegsdienstverweigerung.

Dazu passt auch die „dreimonatige Probezeit ab Dienstantritt“ im Vertragsanhang. „Die Auswahl findet eben nicht, wie die Handbücher suggerieren, vor der Vertragsunterzeichnung statt, sondern erst danach“, warnt die „Bewegung für Kriegsdienstverweigerer“.

Studierende, die die primären Anforderungen erfüllen, durchlaufen erst einmal ein Training. Ein Dokument auf der Website des Kulturinstituts Perm führt folgende Ausbildungsphasen auf:

  • Individuelle Vorbereitung in Bildungseinrichtungen der Föderationssubjekte – 2 Wochen (Unterkunft im Wohnheim)
  • „Ausbildung für den Einsatz unbemannter Luftfahrzeuge im Kampf, in Mannschafts- und Unterabteilungsverbänden im Übungsnetzwerk des russischen Verteidigungsministeriums und auf dem Übungsgelände des Rubikon-Zentrums für zukunftsweisende Drohnentechnologien in Tschebarkul“
  • Erst in der dritten Phase: Beim Eignungstest zur Feststellung der Qualifikation wird dann geprüft, ob die Studierenden die Qualifikationsanforderungen erfüllen.

Alle von Verstka befragten unabhängigen Sachverständigen sind sich einig, dass man den Passus im Vertragsanhang zum Dienstende nach einem Jahr schwerlich als Garantie bezeichnen kann. Nach Ansicht der Experten entscheiden letztlich entweder Vorgaben von oben oder die Beziehung zum Vorgesetzten darüber, ob ein Soldat wirklich nach Ablauf eines Jahres ausscheiden kann. Es kann immer passieren, dass sein Vertrag automatisch verlängert wird oder sich schwerwiegende Gründe finden, ihn in der Armee zu behalten.

„Es gibt eben Menschen, für die der Krieg etwas Inneres ist“

Studierende berichten, dass an einigen Hochschulen die Verwaltung Studierende mit Prüfungsrückstand zum Vertragsabschluss dränge. So biete etwa die Staatliche Morosow-Hochschule für Forstwirtschaft und Technologie in Woronesh keine Wiederholungsprüfungen mehr an.

Ein Student erzählt von einem Kommilitonen, dem trotz bereits bewilligter Anmeldung eine Wiederholungsprüfung verweigert wurde. Stattdessen wurde er zusammen mit anderen Studierenden, die mit ihren Prüfungen im Rückstand waren, zur Registrierung von Wehrpflichtigen geschickt.

Dort erfuhren sie von einer „mündlichen Anweisung des Rektors, dass Prüfungen nicht mehr nachgeholt werden dürfen“: „Du hast jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder du meldest dich ab und kommst zur Armee. Oder du unterschreibst den Vertrag, wir stellen dich für ein Jahr frei und du kassierst noch zwei Millionen Rubel [ca. 21.000 Euro] obendrein. Und wenn du zurückkommst, kriegst du ein Diplom mit Auszeichnung.“

Bei den Rekrutierungsveranstaltungen führte die Morosow-Hochschule unter den Studierenden eine Umfrage durch. Unter anderem wurde gefragt: „Ziehen Sie es in Betracht, den Militärdienst in den Drohneneinheiten abzuleisten? Wenn ja: Können Sie Ihre Telefonnummer angeben?“ Zudem fragte man sie nach den Umständen, unter denen sie zum Vertragsdienst bereit wären.

„Das Land braucht Krieger. Und deshalb wird eine neue Armee aus Studenten geschaffen, die im Grunde keine Studenten mehr sind.“

Julia Chadiullina, Direktorin vom College der Kasaner Innovationsuniversität

Ein Student einer anderen Hochschule in Woronesh berichtet, dass an seiner Fakultät zwölf Personen zusammen zum Prorektor eingeladen wurden. Dort habe man sie vor die Wahl gestellt, entweder exmatrikuliert und zum regulären Wehrdienst eingezogen zu werden oder einen Vertrag für die Drohneneinheiten abzuschließen.

„Es sind schon jede Menge Leute zu den Drohnenpiloten gegangen, die können sich gar kein anderes Leben mehr vorstellen. Es gibt eben Menschen, für die der Krieg nichts Äußeres, sondern etwas Inneres ist“, gibt unser Gesprächspartner die Worte des Prorektors wieder.

Ähnliche Fälle gibt es auch an anderen russischen Hochschulen: Ein Student der Higher School of Economics in Moskau berichtet, dass er nach einer gescheiterten Wiederholungsprüfung ein Exmatrikulationsschreiben mit dem Angebot erhielt, „stattdessen ein Jahr lang auf Vertragsbasis bei den Drohneneinheiten zu dienen, wobei dem Schreiben gleich eine Präsentation über diese Einheiten beigefügt war“ (eine Kopie liegt der Redaktion vor).

Bereits zuvor hatten Medien berichtet, dass Studierende der Technischen Bauman-Hochschule, der Russischen Technischen Universität und des College der Kasaner Innovationsuniversität auf ähnliche Weise unter Druck gesetzt wurden. Die Direktorin der letzteren Einrichtung, Julia Chadiullina, erklärte: „Das Land braucht Krieger. Und deshalb wird eine neue Armee aus Studenten geschaffen, die im Grunde keine Studenten mehr sind.“

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