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Kalte Freundschaft

„Wir sehen die USA nicht als Feind”, sagte Putin während des Direkten Drahts; zahlreiche westliche Medien berichteten darüber. Umgekehrt beschreiben russische Staatsmedien die außenpolitische Situation ihres Landes gerne als die „einer belagerten Festung“: Umgeben von Feinden trotze Russland aber erfolgreich den ständigen Versuchen des Westens, es zu vereinnahmen, so der Tenor.

Auch Wladimir Putin betont wiederholt Russlands Großmacht-Stellung, die ständig vom Ausland unterminiert werde: Diesmal auf dem Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg. Dieses von der russischen Regierung organisierte Jahrestreffen internationaler Politiker, Wirtschaftsführer und -experten will neben der Wirtschaft auch die Antworten auf drängende globale Fragen fördern.

In einer öffentlichkeitswirksamen Ansprache empfiehlt Putin dem Westen, Russlands „volle Souveränität“ anzuerkennen und seine „rechtmäßigen Interessen“ zu akzeptieren – nur so könne ein globales Machtgleichgewicht wiederhergestellt werden.

Dem Außenpolitik-Experten Wladimir Frolow deucht dies wie ein „Zurück in die 1970er“. Auf republic.ru kommentiert der einstige Diplomat Putins geopolitisches Weltbild und zeigt auch anhand jüngster Hacker-Attacken Parallelen zur Breshnew-Zeit auf.
Diese gilt in der russischen Geschichtsschreibung als eine Zeit, in der die Sowjetunion dem Westen Paroli bieten konnte. Ansonsten wird sie aber vor allem mit dem Sastoi assoziiert – der Epoche des Stillstands. 

Quelle Republic

Die außenpolitische Botschaft Wladimir Putins an den sogenannten Westen ist klar: „Da könnt ihr lange warten!“ Signifikante Veränderungen in der russischen Außenpolitik sind nicht geplant, geschweige denn eine Revision des zugrundeliegenden Konzepts: „Der Westen wirkt der Wiedergeburt Russlands als Supermacht entgegen und will so die eigene Vormachtstellung in einer unipolaren Weltordnung erhalten, und Russland reagiert entsprechend auf diese Beschneidung seiner rechtmäßigen Interessen.“

Der Konflikt mit dem Westen bleibt ein ideologischer Grundpfeiler der russischen Außenpolitik und bestimmt Moskaus Handeln auf der internationalen Bühne. Die russischen Interessen zu vertreten heißt nun fast ausschließlich, die geopolitischen und wirtschaftlichen Positionen des Westens in einem Nullsummenspiel zu untergraben.

Das Ausmaß des Konflikts und die konkreten territorialen und diplomatischen Fronten werden variieren. Beeinflusst werden sie durch die aktuelle politische Weltlage, die Maßnahmen und die Entschiedenheit des Westens, russische Bestrebungen abzublocken, sowie die innenpolitische Situation und die außenwirtschaftliche Konjunktur. Von Letzterer hängen Russlands Ressourcen für die Durchführung einer entschlossenen Außenpolitik ab.

Gemäßigte Phase der Konfrontation

Putin bekundete Moskaus Interesse an einer gemäßigten Phase der Konfrontation (nicht ihrer Beendigung), das heißt an einer „Entspannung der internationalen Lage“ im Stil der zweiten Hälfte der 1970er Jahre.

Dem Westen wird angetragen, sich mit Russlands neuem geopolitischen Status abzufinden, Russlands regionale und globale Ambitionen als legitimes Interesse zu akzeptieren und seine uneingeschränkte Souveränität anzuerkennen, sprich: sich nicht in die inneren Angelegenheiten Russlands einzumischen.

Außerdem wird dem Westen nahegelegt, auf jegliche Kritik der russischen Innenpolitik zu verzichten, die Sanktionen aufzuheben und zu einer umfassenden wirtschaftlichen Zusammenarbeit zurückzukehren.

Zudem sollte man zu einer engen politischen Zusammenarbeit mit Moskau in allen wichtigen globalen Fragen übergehen, wobei Russlands Gleichstellung mit dem Westen anerkannt und Moskaus Propagandanarrativ Berücksichtung finden muss.

Helsinki 2.0 – nicht nur für Europa, sondern für die ganze Welt

Das alles sieht aus wie der Vorschlag eines Helsinki 2.0 – allerdings nicht mehr nur für Europa, sondern für die ganze Welt. Und mit ein paar grundlegenden Neuerungen, insbesondere im „humanitären Korb“.

Dabei geht es um die endgültige Festlegung der Einflussgrenzen (nicht nur der geografischen, sondern auch der ideologischen – man hat nunmal unterschiedliche Auffassungen von Menschen- und Persönlichkeitsrechten), um die Nichteinmischung in innere Angelegenheiten (die Art und Weise eines Machtwechsels darf nicht Gegenstand internationaler Beziehungen sein). 
Es geht um für Russland vorteilhafte Regeln für die Anwendung von Waffengewalt (die gewaltsame äußere Einmischung als „humanitäre Intervention“ oder „Verantwortung zum Schutz der Bevölkerung“ ist unzulässig, legitim sind hingegen militärische Interventionen nach Aufforderung, zur „Aufrechterhaltung der staatlichen Ordnung“). 
Außerdem geht es um die Souveränität des Informationsraumes (Kontrolle über das Internet und die Medien auf dem eigenen Interessengebiet) sowie die Handelsfreiheit und staatlich kontrollierte Investitionen, unabhängig vom innen- oder außenpolitischen Tagesgeschehen.

Völlige Intransparenz außenpolitischer Entscheidungsfindung

Damit sind zwei potentiell destabilisierende außenpolitische Konzepte zur vorbehaltlosen Annahme auf dem Tisch. Sie stammen ebenfalls aus den guten alten 1970ern, sind aber in ihrer Form leicht abgewandelt: Die „rechtmäßigen Interessen“ und die „uneingeschränkte Souveränität“.

Das erste Konzept schreibt Moskaus Recht auf militärisches Eingreifen im Ausland fest – sowohl im Umkreis der eigenen Landesgrenzen als auch in anderen Regionen der Welt, wo sich eine Möglichkeit bietet, bei verhältnismäßig geringem Kostenaufwand auf den Westen Druck auszuüben. Die Grenzen der „Rechtmäßigkeit“ dieser Interessen sind absichtlich nicht klar definiert und können bei Bedarf kurzerhand uminterpretiert werden. Aber das Recht zur Neuinterpretation und zur Anpassung der gesamten Außenpolitik an diese neue Fassung hat nur eine Person.

Bei der völligen Intransparenz außenpolitischer Entscheidungsfindung wirkt die Unberechenbarkeit der russischen Außenpolitik destabilisierend auf die Weltgemeinschaft und provoziert eine Politik der Zurückhaltung.

„Rechtmäßige Interessen“ sind heute die Krim, morgen der Donbass und der Südosten der Ukraine, in einem Jahr Syrien, in zwei Jahren Libyen, in drei Jahren die Balkanstaaten und Afghanistan. Nicht auszuschließen, dass irgendwann auch Venezuela oder Nicaragua auf dieser Liste landen.

Enger Kreis von wahren Souveränen

Das Konzept der „uneingeschränkten Souveränität“ für die einen birgt die Gefahr, dass sie automatisch eine begrenzte Souveränität aller anderen bedeutet. Damit wird eine Zwei-Klassen-Struktur in den internationalen Beziehungen geschaffen, in denen dann einige Länder gleicher sind als andere.

In Wladimir Putins Weltauffassung gibt es nur wenige Staaten, die über uneingeschränkte Souveränität verfügen, sprich über die Fähigkeit, eine gänzlich unabhängige Außenpolitik zu betreiben, ohne Rücksicht auf die Meinung anderer Großmächte. Neben Russland und den USA sind das Indien, China, Brasilien und der Iran. Aber auch diese Liste ist nicht endgültig und unterliegt gelegentlicher Revision.

Die restlichen Staaten verfügen über begrenzte Souveränität. Sie können keine eigenständigen außenpolitischen Entscheidungen treffen und müssen ihr Handeln mit ihrem Lehensherren abstimmen. Zu dieser Gruppe zählt Putin alle NATO-Länder, einschließlich Deutschland und Frankreich, weil er annimmt, dass in diesem Bündnis alles von den USA entschieden wird.

Dieses vereinfachte Bild dient Moskau als eine perfekte Matrix der internationalen Beziehungen: Alle Schlüsselfragen und Regeln der Weltordnung werden in einem engen Kreis von wahren Souveränen ausgehandelt. Sie kontrollieren jeweils ihren Bereich und können die Meinung der anderen Staaten getrost außer Acht lassen.

Breshnew Doktrin wiederbelebt

Dieses Konzert der Großmächte bedeutet auch, dass Russland seinen Vasallen-Bereich hat – eine Reihe von Staaten, deren Souveränität dadurch beschränkt ist, dass sie bestimmte Aspekte der Außen-, Verteidigungs- und Handelspolitik mit Moskau abstimmen müssen. Vor allem gilt das für den Aufbau jeglicher Beziehungen zum Westen.

Offenbar wurde Breshnews Doktrin wiederbelebt: Die Souveränität der Länder des russischen Lagers wird demzufolge nicht durch das marxistische Dogma vom Aufbau des Sozialismus begrenzt. Vielmehr geht es um den Verzicht auf eigenständige Beziehungen zum Westen und auf ein demokratisches Regierungssystem. Denn die Regierungschefs müssen in erster Linie Moskau gefallen.

Verschärfter Ideologie-Kampf gegen den Westen

Es gibt außerdem noch Anzeichen, dass auch an ein weiteres außenpolitisches Konzept der 1970er Jahre angeknüpft wird: Die Politik der Entspannung geht nämlich einher mit einer Verschärfung des ideologischen Kampfes der „Völker“, gegen den Westen.

Das zeigt sich anhand von Putins wohlwollenden Aussagen über die „patriotischen Hacker, die frei sind wie Künstler“ und bereit, für das Land einzustehen. Oder dann, wenn Putin eine für den Westen schmerzliche Kontinuität suggeriert, indem er die Kritik an Russland als ein Zeichen ethnischer Russophobie darstellt.

https://www.youtube.com/watch?v=ruCsN_KcD3o

Der Partisanenkrieg der „patriotischen Hacker“ gegen die „russophoben Politiker“ in den westlichen Ländern wird befürwortet, quasi in alter sowjetischer Tradition einer Außenpolitik, die „befehlshörige Komsomol-Freiwillige“ unterstützt. Dank moderner Technologien ist es relativ einfach und günstig, sich direkt an das westliche Publikum zu richten und dabei eine glaubhafte Abstreitbarkeit (plausible deniability) zu wahren. So entgeht man westlichen Sanktionen („auf staatlicher Ebene machen wir das nicht“) und kann unverfroren verkünden, Russland mische sich nicht in fremde Wahlen ein, während man bei Facebook zielgerichtet Werbung für den richtigen Kandidaten postet.

Die „freien Hacker“ und die Kriege der Bots in Sozialen Netzwerken – das ist die neue Dimension des ideologischen Kampfes, gegen die man sich im Westen im Rahmen der Meinungsfreiheit bislang nicht zur Wehr setzen kann. Im Gegensatz zu Russland können westliche Politiker unliebsame Seiten oder Postings nicht einfach blockieren. Und die Versuche des Westens, Gleiches mit Gleichem zu vergelten würden am Roskomnadsor scheitern.

Russland wirft dem Westen „Hysterie“ vor

Moskau behauptet, dass im Westen wegen der russischen Hacker und deren Einmischung in Wahlen geradezu „Hysterie“ und „politische Schizophrenie“ herrsche. Das sei ein Zeichen der Schwäche der westlichen Demokratien und des fehlenden Vertrauens in die eigenen Institutionen.

Diese in zentralistischer Manier verbreitete Argumentation lässt vermuten, dass man die schöne Arbeit der Cyberfreiwilligen auch weiter billigend in Kauf nehmen wird, ohne sie als Einmischung in innere Angelegenheiten anzusehen.

Das beim Forum vorgeschlagene Remake mit Upgrade der außenpolitischen Konzepte der 1970er Jahre ergänzt sich tatsächlich gut mit einem ähnlichen Upgrade in der Wirtschafts- und Sozialpolitik: Statt Strukturreformen, Entstaatlichung und mehr Konkurrenz wird eine allgemeine Block-Chain und Digitalwirtschaft unter strenger staatlicher Kontrolle vorgeschlagen, bei der Staatsfirmen vorschriftsgemäß „sogenannte Startups“ unterstützen. In den 1970ern nannte man das „Kampaneischina“.

Innen- und Außenpolitik sind eng verzahnt

Anatoli Tschubais, der ebenfalls am Forum teilgenommen hat, beschrieb das konzeptuelle Problem sehr treffend: „Das soziale, ökonomische und politische System im Land deckt überraschend viel ab, ist ausgeglichen und auf seine Weise sogar harmonisch. Es ist ein System, bei dem die Innenpolitik die Außenpolitik ergänzt. Was wiederum bedeutet, dass eine ernsthafte Umstrukturierung der Innenpolitik kaum möglich ist, ohne die Außenpolitik anzurühren. Vermutlich braucht es ganzheitliche Schritte, und das birgt große Risiken.“

Man könnte meinen, bei einem Zeithorizont von sieben Jahren sei man mit der Strategie „Zurück in die 1970er“ innen- und außenpolitisch auf der sicheren Seite. Bleibt nur noch, die äußere Realität daran anzupassen.

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Leonid Breshnew

Leonid Breshnew war von 1964 bis 1982 Vorsitzender der KPdSU und prägte als erster Mann im Staat fast zwei Jahrzehnte lang das Geschehen der Sowjetunion. Seine Herrschaft wird einerseits mit einem bescheidenen gesellschaftlichen Wohlstand assoziiert, gleichzeitig jedoch auch als Ära der Stagnation bezeichnet.

Leonid Iljitsch Breshnew (1906–1982) war von 1964 bis 1982 Parteivorsitzender (anfangs Erster Sekretär, nach der Umbenennung des Postens 1966: Generalsekretär) der KPdSU und seit 1977 auch Vorsitzender des Präsidiums des Obersten Sowjets, kurz: Staatspräsident. Da die kommunistische Partei in der Sowjetunion weisungsberechtigt gegenüber der Regierung war, galt der Parteichef auch im Staat als mächtigster Mann. Breshnews 18 Herrschaftsjahre werden gemeinhin als „Stagnation“ bezeichnet, als Zeit, in der vor allem die Wirtschaft die Umstellung von der Schwerindustrie auf neue Technologien verpasste und in Staat und Partei keine jungen Kräfte mehr nachrückten. Daher wurde ab Ende der 1970er Jahre die Parteiführung auch als Herrschaft der Gerontokraten oder des „Marxismus-Senilismus“ (statt „Leninismus“) verspottet. Weiter steht Breshnew für die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968, die Verfolgung, Exilierung und Verbannung der Dissidenten wie Solschenizyn und Sacharow und den Einmarsch in Afghanistan 1979.

Aufstieg: Geboren wurde er 1906 in der Ukraine in der Industriestadt Kamenskoe, ab 1936 Dneprodsershinsk, als Sohn eines russischen Metallarbeiters. Seine Eltern träumten davon, er werde eine bürgerliche Karriere machen und schickten ihn aufs Gymnasium. Doch nach seinem Schulabschluss 1921, der in die Zeit nach Revolution und Bürgerkrieg fiel, arbeitete er zunächst als Packer, während der Kollektivierung der Landwirtschaft als Landneuordner und schloss 1935 ein Studium als Ingenieur ab. Nach kurzem Wehrdienst begann im Jahr 1937 seine politische Karriere:

Durch Verhaftungen während des Großen Terrors 1937/38 wurden Posten in der Stadtverwaltung und in Parteigremien frei, sodass Breshnew schon 1938 Parteisekretär im Gebietskomitee von Dnepropetrowsk war. Im Krieg diente er als Politkommissar (1941–1946), der dicht hinter der Frontlinie mit den Truppen bis in die ČSSR vorrückte.

Breshnews eigentlicher Aufstieg begann, als Chruschtschow ihn – nachdem er wichtigen Gebieten und Republiken als Parteisekretär vorgesessen hatte – 1956 als Sekretär des Zentralkomitees nach Moskau holte und ihn 1958 mit der Leitung der wichtigen Abteilung für Rüstungsindustrie und Raketentechnologie betraute. Breshnew wurde nicht nur Chruschtschows rechte Hand; er war auch 1960 bis 1964 Präsident der UdSSR. Am 14. Oktober 1964 setzte das Zentralkomitee der KPdSU unter der Anführung Breshnews Chruschtschow ab.

Breshnew 1974 in Wladiwostok - Foto © GemeinfreiInnenpolitik: Chruschtschow wurde angelastet, die UdSSR in der Kubakrise blamiert, die Landwirtschaft ruiniert und die Parteikader schikaniert zu haben. Breshnews Kurs war daher keine Re-Stalinisierung, wie immer wieder behauptet wird, sondern der Versuch, die Sowjetunion in „ruhiges Fahrwasser“ zu lenken: Sein erstes Ziel war es, die Landwirtschaft und Konsumgüterindustrie so zu beleben, dass alle Menschen in geringem Wohlstand leben konnten. Er erhöhte die Löhne, die Renten und führte die Fünf-Tage-Woche ein. Jeder Sowjetmensch sollte ein Auto und eine Datsche haben und in Ruhe und Frieden leben und arbeiten können. Dennoch blieben die Erfolge gering, die Produktivität niedrig und die Zahl der Defizit-Waren groß.

Außenpolitik: Breshnews Eintritt in die Außenpolitik war der Einmarsch in Prag 1968 und damit die Etablierung der Breshnew-Doktrin: die Souveränität und Unabhängigkeit eines Landes im Warschauer Pakt endete dort, wo die Sicherheitsinteressen des Bündnisses in Gefahr gerieten. Gleichwohl war Breshnews eigentliches Anliegen eine stabile Friedensordnung in Europa: Als Veteran des Zweiten Weltkriegs, der viel Grauen gesehen hatte, wollte er um jeden Preis einen Dritten Weltkrieg verhindern. Unter seiner Leitung wurden die Moskauer Verträge verhandelt, in denen die Sowjetunion und die BRD gegenseitig ihre Grenzen anerkannten; ein weitreichendes Abkommen über wirtschaftliche, kulturelle und wissenschaftliche Zusammenarbeit konnte er 1972 mit dem US-Präsidenten Richard Nixon unterzeichnen. Auf seine Initiative hin wurde 1975 die KSZE-Schlußakte in Helsinki signiert und die ersten zwei Verträge zur Begrenzung von Atomwaffen unterschrieben (SALT I 1972 und SALT II 1978).

Siechtum und Tod: Breshnew litt an einer Schlaftablettensucht, die ihn seit 1974 sichtlich in seinem politischen Handeln beeinträchtigte. Im Westen wurden Schlaganfälle oder Herzinfarkte als Ursache für seinen physischen Verfall und die zunehmenden Abwesenheiten vermutet. Die Bemühungen um weitere Abrüstungsabkommen und mehr Entspannung blieben daher stecken; gewonnenes Vertrauen zerbrach angesichts Breshnews rätselhaftem Schweigen. Als das Politbüro im Dezember 1979 den Beschluss fasste, in Afghanistan einzumarschieren, war er nicht anwesend. Er starb an einer Hirnblutung im Amt am 10. November 1982.

Wirkung: Gorbatschow verdammte, als er 1985 an die Macht kam, die Zeit unter Breshnew als Stagnation. Doch heute werden die Jahre unter Breshnew als „goldenes Zeitalter“ verklärt; zudem gilt er als starker Führer, unter dem die Sowjetunion im Ausland noch als Supermacht gefürchtet war und auf den sich auch Putin gern bezieht. Bei Nationalisten steht er heute in einer Reihe mit Lenin und Stalin, die die Sowjetunion stark machten, während Chruschtschow, Gorbatschow und Jelzin sie in den Ruin getrieben hätten.

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