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Haus der Regierung

Das riesige Gebäude erhebt sich direkt am Ufer der Moskwa. Zu Sowjetzeiten wirkte es durch den dunkelgrauen Putz düster. Gebaut wurde es in der Stalinzeit von 1928 bis 1931 als Gated Community der Mächtigen mit Tennisplatz auf dem Dach und Schießstand im Keller. Seit sich die kulturhistorische Forschung in den 1990er Jahren der sowjetischen Zivilisation zugewendet hat, wurden viele Metaphern für das faszinierende Haus der Regierung geprägt. Die eingängigsten stammen vom Osteuropahistoriker Karl Schlögel, der es als „Titanic des Sowjetkommunismus“ und „Museum einer untergegangenen Lebensform“ bezeichnete.1 Um die Symbolik auf die Spitze zu treiben, drehte sich ab 2001 zehn Jahre lang ein Mercedes-Stern auf dem Gebäude gegenüber dem Kreml mit seinem Roten Stern und verkündete die Ankunft im Kapitalismus. 
Neben der Gemeinschaftswohnung, der Kommunalka, bietet sich dieser Wohnblock als Mikrokosmos für die Untersuchung der „Sowjetunion im Kleinen“ an. So erzählt Yuri Slezkine anhand der Geschichte dieses Hauses und seiner Menschen die Geschichte des Sowjetkommunismus.2

Die zwölfstöckige Trutzburg ist ein beliebtes Wohnhaus direkt am Ufer der Moskwa / Foto © Wikipedia/ Ludvig 14 unter CC BY-SA 4.0

Der Gebäudekomplex war eines der größten Bauvorhaben seiner Zeit. Eigentlich war es kein „Haus“, sondern eine riesige Wohnmaschine von 500.000 Kubikmetern umbautem Raum auf acht Hektar, mit 505 Wohnungen und gemeinsamen Versorgungs- und Dienstleistungseinrichtungen für rund 2500 Menschen. Der luxuriös ausgebaute Wohnkomplex am Ufer der Moskwa beherbergte seit 1931 zahlreiche Regierungsmitglieder und führende Bolschewiki der Revolutionszeit mit ihren Familien, die zuvor im Kreml und in den umliegenden Hotels wie dem National oder dem Metropol gewohnt hatten. Sie sollten hier an einem Ort in unmittelbarer Nähe zum Kreml konzentriert werden. Die  Blickverbindung zum Kreml symbolisierte die Nähe zur Macht – aber auch die Kontrolle.

Es war die Zeit des heroischen Aufbaus des Kommunismus und des ersten Fünfjahrplans. Die Menschen waren aufgerufen, Verzicht in der Gegenwart zu üben, um eine bessere Zukunft zu errichten. Die Wohnungsnot in Moskau war legendär. Alle lebten zusammengedrängt in Gemeinschaftswohnungen, Baracken oder Wohnheimen. Die verfügbare Wohnfläche pro Einwohner sollte zwar dereinst neun Quadratmeter betragen, lag aber wegen des Zustroms von Menschen bis in die 1950er Jahre hinein zwischen vier und fünf Quadratmetern. Vor diesem Hintergrund waren die Wohnverhältnisse der privilegierten Führungsschicht im Haus der Regierung einfach märchenhaft. Eine Vierzimmerwohnung hatte hier gut 62 Quadratmeter. Auch wenn sie zeitweilig von mehreren Parteien geteilt wurde, war sie noch luxuriös.

Da war zunächst die zentrale Lage am Wasser. Das Wasser spielte eine wichtige Rolle bei der Gestaltung des „Neuen Moskau“ zur Welthauptstadt des Kommunismus, die zeitgleich mit dem ersten Fünfjahrplan angegangen wurde. Die Befestigung der sumpfigen Flussufer erschloss Landreserven für den Bau repräsentativer Wohnbauten in zentralen Lagen der Stadt. Das erste Gebäude war das zwischen 1928 und 1931 errichtete, sogenannte Haus der Regierung gegenüber dem Kreml. Es nahm den Generalplan zur Rekonstruktion Moskaus von 1935 gewissermaßen vorweg. 

„Neue Lebensweise“

Die Architekten Boris und Dimitri Iofan gruppierten mehrere wuchtige, bis zu zwölf Stockwerke hohe Wohnblöcke auf dem acht Hektar großen Gelände um drei Innenhöfe. Die Abschlüsse bildeten zum Fluss hin das Theater der Estrade und rückwärtig das Kino Udarnik (dt. Stoßarbeiter). Der Stil markierte den Übergang vom Konstruktivismus der 1920er zum Neoklassizismus der 1930er Jahre. Der dunkelgraue Putz sollte den damals hochmodernen Baustoff Beton imitieren und das Gebäude vor dem Ruß der Heizanlagen in der Umgebung schützen. 
Die Architekten entwarfen im Sinne des Neuen Bauens ein schlichtes, rationales Gebäude für die viel gepriesene kommunistische „Neue Lebensweise“, das den Akzent auf Askese und Gemeinschaftseinrichtungen legte. Die großzügigen Appartements hatten eigene Bäder und Küchen, in denen sogar ein Klappbett für das Dienstmädchen Platz hatte. Garderoben, Betten, Tische, alles war identisch und nummeriert.3 
Die möblierten Dienstwohnungen folgten zwar der Idee der Gleichheit, aber auf hohem Niveau. So gestalteten die Architekten einheitliche, bequeme Möbel im behäbigen Stil der 1930er Jahre und statteten die Wohnungen mit Müllschluckern und Zentralheizung aus. 
Hier lebten die Mächtigen und die Mächtigsten, Minister und Mitglieder des Politbüros, Marschälle und Admiräle, angesehene Wissenschaftler und Künstler, Angehörige der alten revolutionären Garde um Lenin, Helden des Bürgerkriegs und Ausländer, Mitglieder des Komintern. Wer es hierher geschafft hatte, war im Kommunismus angekommen.4 

Innerhalb des Hauses etablierten sich sogleich eigene Hierarchien. Am wichtigsten waren die Positionen der Männer in den Rängen von Partei und Regierung oder der berufliche Status. Diese bestimmten Lage und Größe des Appartements. Die Wohnungen mit Blick über den Fluss waren die prestigeträchtigsten.5 Wer es sich leisten konnte oder wollte, brachte seine eigenen Möbel mit oder bestellte sie, manchmal sogar in London.6 Diese Hierarchien spiegelten sich in den Banden der Kinder, die alle dieselbe Schule besuchten und ein feines Gespür für Rangordnungen hatten.

Der Wohnblock sollte seinen Bewohnern alles bieten, was sie im Alltag brauchten, es gab Sportanlagen, Klubräume, Bibliotheken und Geschäfte, medizinische Versorgung, eine Bankfiliale, eine Poststelle und einen Friseur. Die Kombination von Privatwohnungen und Gemeinschaftsräumen mit Dienstleistungen wie der Kantine, dem Kindergarten und der Wäscherei sollte ein Musterbeispiel für die neue, kollektive Lebensweise sein. Aber trotz der öffentlichen Einrichtungen wie dem Kino oder dem Theatersaal mit dem Klub handelte es sich nicht um ein Kommunehaus, denn es gab keine direkten Verbindungen zwischen den Wohnungen und den gemeinschaftlichen Bereichen.7 Das war kennzeichnend für die Zeit: Das 1930 erlassene „Dekret über Maßnahmen zur Transformation der Lebensweise“ beendete die jahrelangen urbanistischen Debatten um Kommunehäuser und die Abschaffung von Küchen in den Wohnungen mit dem Argument, man könne nicht in einem Sprung alle Hürden auf dem Weg zum Kommunismus überwinden. Erst die Industrialisierung des Landes würde die Grundlagen für die neue Lebensweise schaffen. Daher brauche man nun Häuser für den Übergang.8 Da war der Rohbau des Hauses der Regierung längst fertig. 

Schwarze Fensterlöcher

Die Wohnungen waren Inseln geordneten Wohlstandes im Meer des Chaos und des Mangels. Aber froh wurden die Menschen darin nicht, denn sie konnten sich ihres Erfolges keinen Moment lang sicher sein. Die Geschichten ihres Aufstiegs und Falls spiegeln sich in der hohen Fluktuation der Mieter.9 In den Wohnungen lebten im Verlauf der 1930er Jahre oft bis zu zehn Parteien in Folge. In der Wohnung, die seit 1989 als Museum zu besichtigen ist, herrscht eine seltsame Stimmung zwischen dem Luxus von Plüsch und Mahagoni, Fotoapparaten, Schreibmaschinen, Fahrrädern und dem bedrückenden Wissen um die todbringenden Abholkommandos des NKWD. Der Einzug in die Wohnung entpuppte sich oft genug als Höhepunkt einer für die Stalinzeit typischen Lebenskurve, die vom sozialen Aufstieg über eine Phase des Erfolgs jederzeit ins Lager oder in den Tod führen konnte.

Abends verwandelte sich der Block in ein Lichtermeer hell erleuchteter Fenster. Doch 1937 erschienen dunkle Flecken in diesem Meer. Die Welle der Verhaftungen setzte 1936 ein, steigerte sich 1937 und ging 1938 zurück, um schließlich 1939 zu verebben. Rund 800 Bewohner des Hauses fielen dem Terror zum Opfer, einige davon brachten sich aus Angst vor ihrer Verhaftung vorher selbst um. 345 der 505 Wohnungen waren betroffen. Die Angehörigen der Verhafteten mussten in ein Zimmer der für ihresgleichen geräumten Wohnungen umziehen.10 Am Ende der Verhaftungswellen waren nur einige erleuchtete Inseln übrig. Die Wohnungen einzelner Aufgänge waren fast gänzlich entvölkert. Die schwarzen Fensterlöcher machten im Stadtbild Terror, Gewalt und Tod sichtbar. Die Zeitgenossen lasen das Haus an der Moskwa als „Barometer der Säuberungen“, wie sich der Zeitzeuge Lew Rasgon erinnert.11 
Der Schriftsteller Juri Trifonow, der seine Kindheit in dem Haus verbrachte und dessen Vater 1938 verhaftet und erschossen wurde, setzte 1976 mit seiner berühmt gewordenen Erzählung Dom na Nabereshnoi (Das Haus an der Moskwa) nicht nur dem Haus und seinen Bewohnern ein Denkmal, sondern gab ihm auch einen neuen Namen: Haus an der Uferstraße, so die wörtliche Übersetzung des russischen Buchtitels, wurde es erst nach Erscheinen von Trifonows Erzählung genannt.12

Einige der Bewohner verbrachten ihr ganzes Leben in dem Haus. Zahlreiche Wohnungen wurden in der poststalinistischen Ära als Gemeinschaftswohnungen genutzt. In den 1960er und 1970er Jahren zogen einige der alten Bewohner in die neuen Wohnviertel am Stadtrand. In den 1990er Jahren avancierte das Haus an der Moskwa dann zu einer der besten Adressen Moskaus – und damit zur begehrten Immobilie. Immer mehr Wohnungen wurden von vermögenden Russen gekauft und luxuriös renoviert. Wieder kam es zu Vertreibungen, nur unter anderem Vorzeichen. Und wieder leben hier die Privilegierten.


1.Schlögel, Karl (2003): Der Mercedes-Stern auf dem „Haus an der Moskva“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.1.2003, S. 41; wieder abgedruckt auch in: Schlögel, Karl (2017): Das sowjetische Jahrhundert: Archäologie einer untergegangenen Welt, München, S. 703-715, hier S. 713 
2.Slezkine, Yuri (2017): The House of Government: A Saga of the Russian Revolution, Princeton/Oxford 
3.Kozyrev, Sergei (2000): The House on the Embankment, in: Russian Studies in History 38 (2000) Nr. 4, S. 21–27, hier S. 22 
4.Schlögel, Karl (2017): Das sowjetische Jahrhundert: Archäologie einer untergegangenen Welt, München, S. 706-708 
5.Slezkine, S. 377 
6.Slezkine, S. 488 
7.Huber, Werner (2007): Moskau: Metropole im Wandel: Ein architektonischer Stadtführer, Köln/Wien/Weimar, S. 49 
8.Slezkine, S. 345-346 
9.Die Listen der Wohnungen mit Bewohnern sind eingestreut in den Band von Koršunov, Michail/Terechova,Viktoria (2002): Tajny i legendy Doma na Naberežnoj, Moskva, S. 44, 49, 54, 62, 72, 98, 104, 112-113, 127, 172, 189, 210-211, 218-219, mit Ergänzungen auf S. 234 
10.Schlögel, Sowjetisches Jahrhundert, S. 712 
11.Razgon, Lev (1993): 1937: l’année terrible, in: Gousseff, Catherine (Hrsg.): Moscou 1918–1941: De „l’homme nouveau“ au bonheur totalitaire, Paris, S. 301–311, hier S. 308–309 
12.Dokumentiert haben die Geschichten seiner Bewohner auch die Gründer des Museums: Koršunov/Terechova: Tajny i legendy Doma na Naberežnoj 
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