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Debattenschau № 56: Matilda

Es ist der meistdiskutierte Film des Jahres in Russland: Matilda. Kinostart ist im Oktober, aber schon seit Veröffentlichung des ersten Trailers wollen orthodoxe Aktivisten und Monarchisten den Film verhindern. Das Biopic dreht sich um die historisch verbürgte Liebesbeziehung, die der noch ungekrönte Zar Nikolaus II. mit der Ballerina Matilda Kschessinskaja einging. Die Zarenfamilie der Romanows wurde vor 100 Jahren gestürzt und später von den Bolschewiki ermordet.
Der landesweit bekannte Regisseur Alexej Utschitel hat sich gegen Angriffe auf seinen Film ausdrücklich verwahrt. Wortführerin dieser Angriffe auf politischer Ebene und Initiatorin von Eingaben bei Ermittlungsbehörden ist die umstrittene Duma-Abgeordnete Natalja Poklonskaja – ehemals Generalstaatsanwältin auf der Krim, seit der Wahl im September 2016 Mitglied des Parlaments.

Offiziell gibt es keinerlei Beanstandungen, und das russische Kulturministerium gab den Film nun zum Verleih frei. Betont wurde zugleich, dass es den Regionen Russlands freistehe, davon abweichende Regelungen zu treffen. Hintergrund ist, dass die Obrigkeiten der Kaukasus-Republiken Dagestan und Inguschetien den Zarenfilm aus ihren Kinos raushalten wollen. Auch Tschetscheniens Machthaber Ramsan Kadyrow zählt zu den erklärten Gegnern.
Die Kritiker berufen sich bei ihrem Protest auf die „Verletzung religiöser Gefühle“, weil sie das Ansehen des Zaren beschmutzt sehen, der von der orthodoxen Kirche zur Jahrtausendwende zum Heiligen erklärt wurde. In Russland kann so etwas unter Anwendung eines schwammig gehaltenen Extremismusbegriffs rigide Ahndungen nach sich ziehen.

In die Schusslinie des Streits um den Film gerät immer wieder auch der deutsche Schauspieler Lars Eidinger, der in dem Historiendrama die Hauptrolle des Zaren spielt. Auch Theaterregisseur Thomas Ostermeier hat eine Rolle. Ostermeier ist künstlerischer Leiter der Berliner Schaubühne, Eidinger dort Ensemblemitglied und für sein exzentrisches Spiel auf der Bühne bekannt. Zu den Anfeindungen sagte der Schauspieler der Deutschen Welle, er könne die Vorbehalte „bis zu einem gewissen Punkt“ verstehen. „Aber ich glaube, diese Vorwürfe laufen ins Leere, wenn man den Film anguckt. Weil man merkt, dass sich dieser Film dem Charakter mit großem Respekt annähert und dass er etwas zutiefst Menschliches beschreibt.“
Die Dreharbeiten waren bereits im Herbst 2014; je näher nun die Premiere rückt, desto schärfer und wütender werden die Anfeindungen. Und das, obwohl bisher so gut wie niemand den Film gesehen hat.

Die Freigabe durch das Kulturministerium – eigentlich eine Formalie – ließ die Debatte erneut hochkochen. dekoder übersetzt Auszüge aus Interviews und Kommentarspalten.

Quelle dekoder

https://www.youtube.com/watch?v=RYNTRzXC0_g

Kommersant-FM: Republikchef Inguschetien

Der Kommersant-FM lässt Junus-bek Jewkurow zu Wort kommen, Republikchef von Inguschetien. Jewkurow zeigt sich enttäuscht, dass das Kulturministerium kein allgemeines Verbot ausgesprochen hat, den Film zu zeigen – und hält eine solche Option nicht nur in diesem Fall für geboten.

Deutsch
Original
Ich finde, dass es gerade heutzutage natürlich eine gewisse Zensur geben muss, weil wir ein multiethnischer und multikonfessioneller Staat sind. Und jeder verzerrte und sogar nicht verzerrte Fakt, der bedeutende historische Ereignisse oder Personen betrifft, muss daraufhin geprüft werden, welchen Einfluss er hat. Deshalb brauchen wir Zensur. Im Kulturministerium muss der Film schon im Stadium des Drehbuchs dahingehend begutachtet werden, ob wir ihn brauchen oder nicht. Erst recht, wenn der Film mit Hilfe staatlicher Gelder entsteht. Auch Filme, die aus privaten Mitteln finanziert werden, müssen eine gewisse Zensur durchlaufen. [...]

Wenn ein Film einen Keil zwischen Völker und Konfessionen treibt – wozu ist er dann gut? [...] Was hat der Film für eine Wirkung und wie beeinflusst er die Gesellschaft, wird es danach im Land mehr Patrioten geben oder Banditen.

Я считаю, что определенная цензура, особенно в нынешнее время, конечно, должна быть, потому что мы многонациональная многоконфессиональная страна, и любой искаженный или даже не искаженный факт, который касается значимых исторических событий, личностей, должен рассматриваться с точки зрения того, какое влияние он оказывает. Поэтому цензура должна быть. На уровне Министерства культуры еще на стадии сценария должна даваться оценка, нужен он или нет. Тем более если этот фильм создается на бюджетные средства. Также и картины, бюджет которых предполагает частные источники, должны проходить определенную цензуру. [...]

[Е]сли какой-то фильм может вбить клин между народами, между конфессиями, то зачем он нужен? [...] Что эта картина даст на выходе и какое влияние на общество окажет, станет ли после ее просмотра в стране больше патриотов или бандитов.

erschienen am 11.08.2017

Republic: Film-Furore als Steigbügelhalter

Die Politologin Tatjana Stanowaja lenkt die Aufmerksamkeit weg von der eigentlichen Diskussion um den Film. In einem Beitrag für das liberale Webmagazin Republic nimmt sie den Charakter politischer Allianzen in den Blick, die sich im Kampf gegen den Film gebildet haben.

Deutsch
Original
Ramsan Kadyrow hat in Poklonskaja auf gesamtstaatlicher Ebene eine neue Anwältin gefunden. Sie ist vielleicht nicht fähig, „wichtige Entscheidungen zu treffen”, mindestens aber in der Lage, Interpretationen und ideologischen Grundlagen Vorschub zu leisten, die sowohl die Handlungen des tschetschenischen Regimes legitimieren wie auch den reinen Fakt seiner Existenz in heutiger Form. So wurde Poklonskaja erst über die vergangenen zwei Monate zur Verfechterin von traditionellen Werten in der Tschetschenischen Republik. Und sie bezeichnete es als absurd, die Führung massenhafter Hinrichtungen zu beschuldigen. [...]

Russland betritt eine Epoche großer Veränderungen (voraussichtlich von 2017–2020) mit einer Elite, die sich an die Vergangenheit klammert. Die Diskussion über Matilda ist das erste entfernte Anzeichen, wie schwer es für den Umbau des späten Putin-Regimes sein wird, den Widerstand der sich an den Status Quo klammernden Konservativen zu überwinden.

В лице Поклонской Рамзан Кадыров нашел нового адвоката федерального уровня, который если и не способен «решать вопросы», то как минимум может продвигать интерпретации и идеологические обоснования, легитимирующие и действия чеченского режима, и сам факт его существования в нынешнем виде. Так, Поклонская только за последние два месяца успела заступиться за «традиционные ценности» в Чеченской Республике и назвать «абсурдом» обвинение руководства республики в массовых казнях. [...]

Россия вступает в эпоху перемен (можно ориентироваться на 2017–2020 годы) с элитой, цепляющейся за прошлое. Дискуссия вокруг «Матильды» – первый очень отдаленный признак того, как тяжело перестройка позднего режима Путина будет преодолевать сопротивление цепляющихся за свой статус-кво охранителей.

erschienen am 12.08.2017

Echo Moskau: Kaukasus als Vorkämpfer

Doch ein bisschen mehr als politisches Kalkül sieht Alexander Malenkow darin. Der Chefredakteur des Männermagazins Maxim geht im Interview beim Radiosender Echo Moskau auf die spezifische Rolle der Kaukasusrepubliken ein – die sich aus seiner Sicht zum Anwalt aller Gläubigen im Land erheben.

Deutsch
Original
Erstens liegen unsere kaukasischen Republiken meilenweit vor den anderen, was Religiosität angeht. Und da es ja hier um das Thema der Beleidigung von Gefühlen Gläubiger geht, haben die hier in diesem Sinne ein großes Stimmrecht – sie fühlen sich ein bisschen verantwortlich für Religion allgemein. Und zweitens ist eine gewisse Bekräftigung, ein Ausdruck der eigenen konservativen staatlichen Verhaltenslinie, immer wieder gut.

[...] Sie sind im Grunde von Vornherein beleidigt. Jenseits der Unterteilung in Konfessionen, gibt es im Prinzip auch eine Gemeinschaft aller Gläubigen, die mittlerweile mit Leib und Seele füreinander einstehen. Ungeachtet dessen, dass sie immer Erzfeinde waren, haben sie sich jetzt vereinigt gegen – man kann nicht mal sagen gegen die Atheisten, sondern gegen – Menschen, die ganz prinzipiell ein wenig gleichgültig sind gegenüber dem Glauben und entsprechend auch gegenüber den Gefühlen Gläubiger.

Во-первых, наши кавказские республики, в общем-то, сильно впереди всех остальных в религиозности. А поскольку здесь на повестке дня тема оскорбления чувств верующих, то у них в этом смысле большое право голоса – они себя ощущают немножко ответственными за вообще религиозность.

И второе, некое подтверждение свое, там, консервативной государственной линии поведения лишний раз выказать хорошо. [...]

То есть они уже заранее обижены. Кроме деления по конфессиям есть еще такое, в принципе, сообщество верующих, которые теперь друг за друга горой. Несмотря на то, что они заклятые враги всегда были, но сейчас они объединились против не то, что даже атеистов, а против людей несколько равнодушных, в принципе, к вере и, соответственно, к чувствам верующих.

erschienen am 09.08.2017

Snob: Großes Geschenk

Iwan Dawydow geht beim virtuellen Debattenmagazin Snob auf die riesige PR ein, die mit der anhaltenden Diskussion und den Protestaktionen gegen Matilda verbunden ist – und macht darin auch etwas Gutes aus.

Deutsch
Original
Die Filmtrailer zu Matilda (die ich selbstverständlich gesehen habe, wie wohl alle gutwilligen Menschen und Finstermänner des Vaterlandes) genügen, um mir zu zeigen, dass der Film nichts für mich ist. [...] Aber anschauen muss ich ihn jetzt. Das ist wahrlich kein Geschenk – aber im Weiteren wird es nur noch um Geschenke gehen. Was bitte wusste noch vor zwei Jahren ein sogar ziemlich gebildeter russischer Bürger über Matilda Felixowna Kschessinskaja? Klar, ‘ne Ballerina. Primaballerina am Marinski. Getanzt hat sie.

[...] Nicht nur die Memoiren wurden [nun] gelesen. Sondern auch die im Auftrag der Duma-Abgeordneten Natalja Poklonskaja erstellte Expertise, die zeigen soll, dass Alexej Utschitels extremistischer Film die Gefühle von Gläubigen beleidigt. Erstens ist das eine äußerst amüsante Lektüre, und einen Anlass zum Lachen sollte man immer nutzen. Aber zweitens – und das ist natürlich wichtiger, denken die Leser vielleicht mal darüber nach, welche Art von Studien dazu führen, dass Menschen durch zahlreiche Paragraphen  unseres Strafgesetzes, die die Freiheit von Worten und Gedanken einschränken, büßen müssen. Haftstrafen, unvorstellbar hohe Geldstrafen werden verhängt, Leben zerstört. Je mehr Menschen das bewusst wird, desto höher sind die Chancen, dass die unerhörten Strafparagraphen verschwinden. Und dass die Richter, die nach diesen Paragraphen Urteile sprechen, zusammen mit den „Experten”, die die Beweisgrundlage liefern, losgeschickt werden, die Straßen zu fegen. Das ist doch ein wahrlich großzügiges Geschenk der Ballerina.

Трейлеров фильма «Матильда» (которые я, разумеется, видел, как видели их все люди доброй воли и все мракобесы отечества, похоже) достаточно, чтобы понять, что это — не для меня. [...] Но смотреть теперь все-таки придется. Это, впрочем, не подарок, но дальше речь пойдет исключительно о подарках. Что знал обычный, даже не лишенный эрудиции, россиянин о Матильде Феликсовне Кшесинской года два-три назад? Ну, балерина. Прима Мариинского. Ну, танцевала. [...]

[...] Читали ведь не только мемуары. Еще выполненную по заказу депутата Натальи Поклонской «экспертизу», призванную доказать, что экстремистский фильм Алексея Учителя оскорбляет чувства верующих. Во-первых, это очень смешное чтиво, а повод посмеяться никогда не бывает лишним. Но, во-вторых, что, конечно, важнее, прочитавшие, может быть, задумались, на основании каких изысканий людей карают по многочисленным статьям нашего УК, ограничивающим свободу слова и мысли. Дают реальные сроки, невообразимые штрафы, ломают жизни. Чем больше людей обратит на это внимание, тем больше шансов, что позорные карательные статьи исчезнут, а судьи, выносившие по ним приговоры, вместе с «экспертами», готовившими доказательную базу, отправятся мести улицы. Это по-настоящему роскошный подарок от балерины.

erschienen am 11.08.2017

Vedomosti: Zurückpfeifen gestaltet sich schwierig

Was die Duma-Abgeordnete Natalja Poklonskaja bei ihrem Kampf gegen den Film antreibt – wobei sie sich stets darauf beruft, dass sie mehrere Zehntausend Unterschriften und Hinweise aus der Bevölkerung erhält –, welche Auswirkungen es hat, dass sie die religiösen Gefühle Gläubiger verletzt sieht und wie das Kulturministerium darauf reagiert, betrachtet Xenia Bolezkaja in einem Kommentar für das liberale Wirtschaftsblatt Vedomosti.

Deutsch
Original
Poklonskaja hat einen echten Fimmel: Nikolaus II. Im Jahr 2016 ging sie sogar mit einer Ikone des Märtyrer-Zaren auf eine Kundgebung des Unsterblichen Regiments. Das Antlitz des Imperators mitten unter den im Großen Vaterländischen Krieg gefallenen Soldaten, zudem noch in den Händen einer amtierenden Staatsanwältin, war befremdlich. Als Poklonskaja, dann schon als Dumaabgeordete, mit ähnlicher Ernsthaftigkeit  mitteilte, dass, nein, keine Ikone, sondern gleich eine Büste von Nikolaus II. in Simferopol Salböl weine, zuckte schon niemand mehr zusammen. Als gäbe es eine schweigende Übereinkunft: Nun, es kommt vor, dass russische Staatsanwälte-Parlamentarier ein bisschen spinnen, oder gar schlimmer. Tja, nun ist das Rad ins Laufen gekommen – und jetzt müssen sich ehemalige Kollegen und Staatsbeamte gegen Eingaben und Gesuche von Poklonskaja zu Matilda schon ganz ernstlich wehren.

[...] Wobei das Kulturministerium Poklonskaja sehr schlau abwehrt. Kein einziges scharfes Wort gegen sie, nur die Anregung, den Film erst einmal in Gänze anzuschauen und dann zu beurteilen. Erstens ist die harsche schöne Staatsanwältin eines der bedeutendsten Symbole von Krimnasch. Zweitens ist es sehr schwer, ein gerade erst losgelassenes Tier namens „Beleidigung der Gefühle von Gläubigen” zurück in den Käfig zu jagen. Ja wie könnte man denn die sehr sehr gläubige Poklonskaja packen und ihr barsch beibringen, dass Heilige eine Sache sind – und das Kino was ganz anderes ist. Besser man wartet ab.

Для Поклонской образ Николая II – настоящий пунктик. В 2016 г. она даже вышла с иконой царственного мученика на шествие «Бессмертный полк». Лик императора среди погибших во время Великой Отечественной войны солдат, да еще и в руках действующего прокурора смотрелся крайне удивительно. Так что когда Поклонская, уже депутат, с такой же серьезностью сообщила, что даже не икона, а бюст Николая II в Симферополе замироточил, уже почти никто не вздрогнул.

Будто молча решили: бывают у российских прокуроров-депутатов причуды и похуже. Но вот маховичок раскрутился – и теперь от запросов Поклонской по «Матильде» уже совсем не в шутку вынуждены отбиваться бывшие коллеги и чиновники. [...]

Причем отбиваются от Поклонской очень аккуратно. Ни одного резкого слова против, только приглашения сначала посмотреть фильм целиком, а потом уже судить. Во-первых, суровый и красивый прокурор – один из главных символов «Крымнаша». Во-вторых, сложно загнать обратно в загон только разгулявшегося зверя под названием «оскорбление чувств верующих». Ну как же можно взять да и грубо сообщить очень-очень верующей Поклонской, что святые отдельно, а кино отдельно? Лучше переждать.

erschienen am 14.08.2017

Komsomolskaja Prawda: Natalja Poklonskaja

Das Boulevardblatt Komsomolskaja Prawda hat ein Interview mit Natalja Poklonskaja geführt und kritisch hinterfragt, wo ihre konkreten Probleme mit dem Film liegen. Allen voran stört sie sich an der Besetzung der Hauptrolle von Nikolaus II. mit dem deutschen Schauspieler Lars Eidinger.

Deutsch
Original
Meinen Sie nicht, man hat sehr bewusst bestimmte Schauspieler für die Rolle des russischen Herrschers und die anderen Rollen ausgesucht?

In Russland gibt es viele beeindruckende Schauspieler. Sind die uns irgendwie ausgegangen? Nein, es gibt sie. Orthodoxe. Aber den heiligen Märtyrer spielt ein deutscher Pornodarsteller. Haben die Filmemacher etwa nicht gemerkt, dass diese Gestalt den orthodoxen, gläubigen Menschen missfällt? Menschen, die ein Ehrgefühl haben, die die eigene Geschichte lieben? Die in die Kirche gehen und sich vor den Heiligen verbeugen. [...]

Heute erscheint das alles als Mysterium, aber vor hundert Jahren war das ein unwahrscheinlich grausamer Mord. Wie Tiere wurden der Herrscher und seine gesamte Familie ermordet. Es entsteht der Eindruck, dass hier eine  Opferdarbringung wiederholt werden soll.

[Р]азве не специально были подобраны конкретные актеры на роль русского государя и других персонажей?

В России много удивительных актеров. Неужели они закончились? Нет, они есть. Православные. Но играет Святого мученика немецкий порноактер. Неужели создатели фильма не понимали, что его образ не устроит православных верующих, людей, уважающих собственное достоинство? Уважающих свою историю. Приходящих в церковь поклониться святым. [...]

Сегодня это кажется мистическим, но сто лет назад было совершено жестокое убийство. Зверски убиты государь и вся его семья. Складывается впечатление, что жертвоприношение планируется повторить.

erschienen am 14.08.2017

Das Interview mit Natalja Poklonskaja in Auszügen mit deutschen Untertiteln (Quelle: Komsomolskaja Prawda):

https://www.youtube.com/watch?v=P7OOSdMsmnY

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Russisch-Orthodoxe Kirche

Die Russisch-Orthodoxe Kirche ist die christliche Kirche mit der größten Glaubensgemeinschaft in Russland. Prägend für ihr Verhältnis zum russischen Staat ist das von der byzantinischen Mutterkirche übernommene Ideal der Symphonie, das heißt einer harmonischen Beziehung zwischen Staat und Kirche. Vor 1917 galt die Orthodoxie neben der Autokratie und dem „Volk“, genauer: einem volksverbundenen Patriotismus, als eine der wichtigsten Stützen des russischen Staates und des Zarenreichs – eine Traditionslinie, die heute wieder wirksam scheint.

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Russisch-Orthodoxe Kirche

Die Russisch-Orthodoxe Kirche ist die christliche Kirche mit der größten Glaubensgemeinschaft in Russland. Prägend für ihr Verhältnis zum russischen Staat ist das von der byzantinischen Mutterkirche übernommene Ideal der Symphonie, das heißt einer harmonischen Beziehung zwischen Staat und Kirche. Vor 1917 galt die Orthodoxie neben der Autokratie und dem „Volk“, genauer: einem volksverbundenen Patriotismus, als eine der wichtigsten Stützen des russischen Staates und des Zarenreichs – eine Traditionslinie, die heute wieder wirksam scheint.

Im zaristischen Russland waren staatliche und geistliche Macht stark miteinander verflochten. So wurden der Herrschaftsanspruch und die Legitimität des Zaren direkt von Gott abgeleitet und der neue Zar entsprechend in festlichen Gottesdiensten in sein Amt eingeführt. Administrativ war die Kirche Teil des Staatsapparats, so wurden etwa die Personenstandsakten von der Kirche geführt. Diese Privilegierung der Russisch-Orthodoxen Kirche (ROK) – auch gegenüber anderen Religionsgemeinschaften im multireligiösen Zarenreich – ging dabei Hand in Hand mit zahlreichen Eingriffen in innere Angelegenheiten der ROK. Maßgebliche Kreise der ROK begrüßten daher die Abdankung des Zaren im Februar/März 1917 und sahen darin die Chance für eine größere Autonomie ihrer Kirche.

In der Sowjetunion versuchten die kommunistischen Machthaber zunächst, „fortschrittliche“ Geistliche, die teils für Kirchenreformen stritten, teils auch sozialistischen Ideen anhingen, gegen „reaktionäre“ Geistliche auszuspielen, bevor der Terror in den 1930er Jahren gleichermaßen Anhänger dieser sogenannten „Erneuererbewegung“ wie auch der Patriarchatskirche traf. Trotz dieser katastrophalen Erfahrungen riefen unmittelbar nach dem deutschen Überfall die wenigen überlebenden und noch in Freiheit befindlichen kirchlichen Würdenträger zur Verteidigung des – sowjetischen – Vaterlandes auf und initiierten Spendensammlungen.

Im Herbst 1943 revanchierte sich Stalin mit einer Neuausrichtung der staatlichen Kirchenpolitik, wobei auch außenpolitische Überlegungen zur Neugestaltung Europas maßgeblich waren und der ROK, wie auch anderen Religionsgemeinschaften in der Sowjetunion, eine Rolle als außenpolitischer Akteur zugedacht wurde. Dies bedeutete, dass nach den massiven Angriffen und Verfolgungen die ROK nun wiederum zu einem Instrument staatlicher Politik wurde und entsprechend gesteuert werden musste.

So wurde im Herbst 1943 – nach mehrjähriger Vakanz – die Wiederwahl eines Patriarchen forciert und zugleich ein staatlicher „Rat für die Angelegenheiten der Russisch-Orthodoxen Kirche“ eingerichtet, der als Vermittler der staatlichen Kirchenpolitik galt und zugleich eine Steuerungs- und Kontrollfunktion hatte. Anders als etwa in Polen oder der DDR bot die ROK aufgrund dieser spezifischen historischen Prägungen kein schützendes Dach für etwaige oppositionelle oder dissidentische Aktivitäten. Stattdessen bewegten sich christliche Andersdenkende eher in Strukturen jenseits der ROK.

Nach dem Ende der Sowjetunion erfuhr die ROK als Träger (ethnisch-) russischer Identität sowie moralischer Werte großen Zuspruch. Dem taten auch regelmäßig auftretende Skandale wenig Abbruch, die mit der zeitgleich stark wachsenden engen Verflechtung von Staat und Kirche einhergingen. So galt etwa der seit 2009 amtierende Patriarch Kirill (Gundjajew) in den 1990er Jahren als „Tabak-Metropolit“, der mit dem Verkauf zollfrei importierter Zigaretten zu Reichtum kam.1 Außerdem gehört es zum guten Ton, dass führende Politiker des Landes öffentlichkeitswirksam die Kirche aufsuchen und eigene Gottesdienste zur Amtseinführung des Präsidenten gefeiert werden. Die Russisch-Orthodoxe Kirche bietet in dieser Perspektive der Tradition des russischen Zarenreichs erneut eine nützliche Ideologie, die den Staat zusammenhält.

Vor diesem Hintergrund bewerten viele Beobachter die ukrainischen Bemühungen zu einer Loslösung von der ROK auch als eine Bedrohung für das geopolitische Selbstverständnis des Kreml. Denn mit der Einschränkung der geistlichen Deutungshoheit über die Ukraine wird auch der Anspruch des Kreml auf die eigene „Interessensphäre“ in dem Land zunehmend fraglicher.


1.Neue Zürcher Zeitung: Angekratztes Image. Patriarch Kyrill hat ein Problem
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