Media

„Absolut böse und absolute Gesetzlosigkeit“

Zwei Jahre und acht Monate Haft für Alexej Nawalny. Was Geschäftsleute, Politikwissenschaftler, Schauspieler und Fußballer zum gestrigen Urteil sagen – Meduza hat Stimmen gesammelt.

Source Meduza

Alexander Larjanowski, geschäftsführender Partner der Online-Sprachschule Skyeng im Interview mit The Bell:

Deutsch
Original
Ich denke, schlechter als jetzt kann das Business-Klima in Russland nicht mehr werden. Einfach, weil es kein Schlechter mehr gibt. Über lange Zeit hinweg hat jegliches Handeln der Regierung zu einer Verkümmerung dieses Klimas geführt. Sie handelt schon lange nicht mehr proaktiv, sondern reaktiv, sie reagiert auf diese oder jene äußeren Reize.

Die Haftstrafe für Nawalny ruft in der Gesellschaft vermutlich Unruhen und Untergangsstimmung hervor, mehr aber nicht. Folglich wird es sich auch nicht auf das Geschäft von Skyeng auswirken – es wird wohl kaum mehr Menschen geben, die eine Fremdsprache erlernen und vor dem Hintergrund der Ereignisse das Land verlassen wollen.

Westliches Kapital wird in den kommenden Jahren auch nicht wiederkommen. In Russland ist das Business-Klima schon längst bei minus 140. 

Я думаю, хуже, чем сейчас, бизнес-климат в России уже не станет — просто потому, что хуже уже некуда. На протяжении долгого времени любое действие власти приводило к увяданию этого климата. Она уже давно действует не проактивно, а реактивно, реагируя на те или иные внешние раздражители.

Реальный срок для Алексея Навального, вероятно, вызовет волнения и упаднические настроения в обществе, но не более того. Следовательно, на бизнесе Skyeng это тоже никак это не отразится — вряд ли резко увеличится число людей, которые захотят выучить язык и на фоне этого события уехать из страны.

Западный капитал в ближайшие годы к нам тоже не вернется. У нас в стране в плане бизнес-климата давно минус 140.


Wladimir Melnikow, Eigentümer von Gloria Jeans im Interview mit VTimes:

Deutsch
Original
Das ist ein großer, großer Schmerz für uns und ein erschütterndes Anklageplädoyer gegen die gesamte Regierung. Verzeihen Sie, mehr kann ich nicht sagen, ich kann nur noch Mat fluchen. Ich muss erstmal wieder zu mir kommen.
Это большая-большая наша боль и потрясающая обвинительная речь всей власти. Простите, больше ничего не могу сказать, могу только матом ругаться. Мне нужно прийти в себя.


Dimitri Nawoscha, Gründer von Sports.ru und Tribuna Digital im Interview mit The Bell:

Deutsch
Original
Die Haftstrafe für Nawalny wird sich negativ auf das Geschäftsklima im Land und auch auf unser kleines Unternehmen auswirken. Im ersten Fall werden Investoren noch weniger Anlässe haben, in russische Firmen einzusteigen. Viel Geld wird verloren gehen, viele Möglichkeiten werden verpasst und viele Projekte nicht realisiert werden.

Angesichts dessen, was vor sich geht, werden viel mehr Leute das Land verlassen. Das bedeutet, es wird weniger kaufkräftige Kunden geben, weniger Perspektiven auf aktives Wachstum. Überhaupt kann man sich kaum vorstellen, dass irgendein Privatunternehmen nach dem, was passiert ist, besser und nicht schlechter über die Runden kommen wird.
Öffentliche Unruhen und Demos werden sich ebenfalls auf die Wirtschaft auswirken, wenn auch weniger offensichtlich. Klar, die Festnahmen bei uns sind nicht ganz so massenhaft wie in Belarus, aber einer unserer wichtigsten Vertriebsmitarbeiter ist derzeit in U-Haft, was unsere Arbeit stark erschwert. Und überhaupt, wenn neben einem eine solche himmelschreiende Ungerechtigkeit geschieht, dann ist es schwer, an die Arbeit zu denken und produktiv zu sein.

Реальный срок Навальному негативно повлияет и на бизнес-климат в стране, и на наш небольшой бизнес. В первом случае у инвесторов будет еще меньше поводов идти в российские компании. Будет недополучено много денег, упущено много возможностей, не построено много проектов.
Люди, видя, что происходит, будут активнее уезжать из страны, а значит, у нас будет меньше платежеспособных клиентов, меньше перспектив для активного роста. Вообще сложно представить частную компанию, которой после случившегося будет житься лучше, а не хуже.
Общественные волнения и митинги менее очевидно, но тоже повлияют на экономику. Понятно, что у нас задержания не такие массовые, как в Белоруссии, но у нас, например, сейчас в СИЗО одна из ключевых сотрудниц сейлз-команды, что сильно затрудняет нашу работу. И в целом, если рядом с вами происходит что-то вопиюще несправедливое, сложно думать о работе и быть продуктивным.


Wladimir Gelman, Politologie der Europäischen Universität in Sankt Petersburg auf Facebook

Deutsch
Original
Für das politische System Russlands ist das wichtigste Ergebnis der vergangenen Wochen weder Nawalnys Heimkehr und seine anschließende strafrechtliche Verfolgung noch die Geschichte mit dem Palast und auch nicht die Protestwelle. Weitaus wichtiger ist, dass der Kreml mehr denn je gezwungen ist, sich auf die Silowiki zu stützen. Und zwar nicht als Ergänzung zur Legitimität des Regimes, sondern anstelle der Legitimität. 
Das Problem ist nicht nur, dass es sich auf Bajonetten nicht gemütlich sitzt auf Dauer. Wenn sich das Regime ausschließlich auf den Apparat der Silowiki stützt, wird das diesen Apparat immer mehr dazu anregen, sich von der schwächelnden politischen Führung zu befreien und selbst zu regieren. Das heißt nicht, dass gleich morgen ein Putsch droht (vielen Autokraten gelingt es, diese Risiken mit unterschiedlichen Mitteln zu vermeiden). Aber an Putins Stelle würde ich mich gleich morgen um personelle Umbesetzungen kümmern, solange es noch nicht zu spät ist.
Главным итогом последних недель для российского политического режима стало не возвращение Навального в Россию и его последующее уголовное преследование, не история с «дворцом» и даже не волна протестов. Гораздо важнее то, что Кремль теперь куда больше, чем прежде, вынужден опираться на силовой аппарат не в качестве дополнения к легитимности режима, а в качестве замещения легитимности. Проблема здесь не только в том, что на штыках сидеть неудобно. Опора режима исключительно на силовой аппарат чем дальше, тем больше стимулирует этот самый силовой аппарат к тому, чтобы избавиться от слабеющего политического руководства и рулить самостоятельно. Это не значит, что прямо завтра нас ждет путч (многим автократам удается избегать этих рисков разными способами). Но на месте Путина я бы на всякий случай прямо завтра занялся бы кадровыми перестановками, пока не поздно.


Pawel Gushikow, Gründer des Unternehmens Dengi Wperjod im Interview mit The Bell:

Deutsch
Original
Ich finde, dass der heutige Prozess – die Art, wie er organisiert wurde, sein Inhalt, seine Details – das russische Rechtssystem unmittelbar abwertet. Wie Ruslan Bely ganz richtig sagte: „Wozu brauche ich einen Anwalt? Das Geld wird im Gefängnis sehr nützlich sein.“
Das russische Gericht hat heute klar und deutlich gezeigt, was es von der internationalen Gemeinschaft hält, und wie der Trend des judikativ-exekutiven Systems für die kommenden Jahre ausschaut.
Я считаю, что сегодняшний судебный процесс — и его организация, и его суть, и детали — моментально девальвируют судебную систему России. Как верно сказал Руслан Белый: «Зачем мне адвокат? Деньги в тюрьме пригодятся.» [...]
Сегодня, на мой взгляд, российский суд четко и демонстративно показал свое отношение к международному сообществу и тренд развития судебно-исполнительной системы на ближайшие годы. [...]


Nadeshda Pak, Mitbegründerin der Café-Kette Rezeptor im Interview mit The Bell:

Deutsch
Original
Am 31. Januar, als zum zweiten Mal die Demos zur Unterstützung Nawalnys stattfanden, hatten wir wegen der Schließungen im Stadtzentrum nur ein Viertel der üblichen Einnahmen. Ich bin überzeugt, dass die Menschen das heutige Urteil nicht einfach so hinnehmen. Es stehen Unruhen bevor. 

Ich bin nicht besonders politisch, aber ich glaube, dass es auch globale Folgen geben wird. Zum Beispiel, dass der Rubel weiter fällt und ausländisches Kapital abfließt. Doch am schnellsten wird es sich negativ auf die kleineren Unternehmer wie uns auswirken, denn die Menschen werden vor dem Hintergrund der Ereignisse nicht mehr in Cafés gehen wollen – oder man lässt sie einfach nicht, indem man die ganze Innenstadt sperrt.

31 января, когда был второй митинг в поддержку Алексея Навального, из-за перекрытий центра наша выручка упала в четыре раза от обычных показателей. Я уверена, что люди сегодняшний приговор просто так не оставят и волнения еще будут. 

Я не сильна в политике, но думаю, что будут и глобальные последствия. Например, еще более сильное падение рубля, отток иностранного капитала. Но самый быстрый негативный эффект испытают небольшие предприниматели вроде нас, потому что людям на фоне происходящего не будет хотеться ходить в кафе — или им просто не дадут этого сделать, перекрыв весь центр.

 


Alexander Lossew, Generaldirektor des Finanzdienstleisters Sputnik im Interview mit VTimes:

Deutsch
Original
Die Entscheidung des Simonowski-Gerichts mag vielleicht den Westen dazu bringen, Russland mit neuen Sanktionen zu belegen, doch wie die letzten sechs Jahre gezeigt haben, betreffen Sanktionen vor allem Einzelpersonen und haben im übrigen eher symbolischen Charakter. In der derzeitigen Weltwirtschaft ist es unmöglich, Russland aus der globalen Wertschöpfungskette auszuschließen. Business und Märkte sind sehr zynisch.
Решение Симоновского суда хотя и может запустить процесс принятия Западом новых санкций в отношении России, но, как показала практика последних шести лет, санкции, как правило, персональные, а вот во всем остальном носят декоративный характер. В существующей мировой экономической системе Россию нельзя вычеркнуть из глобальных цепочек создания добавленной стоимости. Бизнес и рынки очень циничны.


Tatjana Lasarewa, Schauspielerin, auf Facebook:

Deutsch
Original
Leider ist das, was da gerade passiert, absolut böse und absolute Gesetzlosigkeit. Und es ist umso trauriger, weil es in unserem Land passiert.
К сожалению, то что происходит сейчас, — это абсолютное зло, абсолютное беззаконие. И это тем более печально, что это происходит в нашей с вами стране.


Alexandra Bortitsch, Schauspielerin, auf Instagram:

Deutsch
Original
Wisst ihr, was das ist? Das ist ein Versuch, uns Angst einzujagen. Uns zu sagen: Schau, mit dir wird genau dasselbe passieren. Mit jedem und jeder wird genau dasselbe passieren. Aber die Wahrheit ist, dass es nicht möglich ist, alle einzusperren. Man kann nicht das ganze Land einsperren. Und ja, auch ich habe Angst. Doch Wahrheit und Liebe sind größer als Angst. Gemeinsam sind wir stärker.
Знаете что это? Это попытка напугать нас. И сказать — смотри, с тобой будет то же самое. С кем угодно будет то же самое. Но правда в том, что действительно нельзя посадить всех. Нельзя посадить всю страну. И да, мне тоже страшно. Но правда и любовь сильнее этого страха. Мы все вместе — Сильнее.


Wassili Beresuzki, Fußballer, zitiert Orwell auf Instagram:

Deutsch
Original
‚Willst du dir ein Bild von der Zukunft machen, dann stell dir einen Stiefel vor, der auf ein  menschliches Gesicht tritt.‘
Если вам нужен образ будущего, вообразите сапог, топчущий лицо человека — вечно.

Support dekoder

Related topics

Gnoses
en

Alexej Nawalny

„Herr Nawalny, Sie haben das Wort.“ Ein großgewachsener Mann mit kräftigem Nacken erhebt sich, denn das letzte Wort gehört ihm, dem Angeklagten. Alexej Nawalny, der kurz zuvor seine Kandidatur bei den Präsidentschaftswahlen angekündigt hat, macht die Anklagebank zu einer politischen Bühne. Seine Rede umfasst alle zentralen Punkte der Kampagne: Die allgegenwärtige Korruption, die politische Abhängigkeit der Gerichte, die wirtschaftliche Rückständigkeit des Landes, die so leicht zu beenden wäre. Er teilt in diesem Schlusswort die russische Gesellschaft in drei Gruppen und zeichnet damit ein scharfes Bild seiner Weltsicht. Da sind zuerst die „wenigen Tausend“ an der Spitze der politischen Hierarchie, die den Reichtum des Landes unter sich aufgeteilt haben. Zweitens ist da die kleine Gruppe von Nawalnys treuen Unterstützern und Mitstreitern. Die dritte schließlich ist die größte Gruppe. Die stillen Stützen der Macht: die niedrigen Ränge im Staatsdienst, die regierungstreuen Bürger. „Sie alle könnten viel besser leben“, ruft er und wendet sich persönlich an den Richter, den Staatsanwalt, den Wachmann im Saal, „wenn Sie sich nicht fürchten würden vor denen, die unser Land ausplündern!“1 Wahlkampf inmitten eines Prozesses, in dem er schließlich zu fünf Jahren Haft auf Bewährung verurteilt wurde. Was treibt diesen Mann an?

Auch wenn die angriffslustig gesenkte Stirn, die aufgerissenen blauen Augen während seiner Rede zuweilen einen anderen Eindruck vermitteln mögen: Alexej Nawalny kennt die Regeln und er bedient sie virtuos. Ein Jura-Abschluss im Jahr 1997, im Anschluss ein Studium der Finanzwirtschaft und ein halbes Jahr in Yale – das sind seine formalen Qualifikationen. Dazu kommen einige Jahre Arbeit in der sozialliberalen Partei Jabloko, die ihm allerdings zu vorsichtig im Umgang mit der Regierung wurde und die ihn wegen nationalistischer Parolen im Jahr 2007 rauswarf.2

Mindestens ebenso wichtig für Nawalnys Werdegang aber ist seine langjährige Erfahrung mit eigenen Unternehmen und mit den Behörden des Landes. Als Minderheitsaktionär mehrerer Staatskonzerne hat er das Recht, interne Dokumente einzufordern. Darauf baut er seine Korruptionsbeschuldigungen auf. Doch auch die Bürger des Landes bezieht er in die Aufdeckungskampagnen ein. Im Jahr 2011 gründete Nawalny den Fond borby s korrupziei (dt. Fonds für Korruptionsbekämpfung, FBK)3, der frühere Onlineprojekte zu Wohnungsbau, Straßen und Staatsaufträgen unter einem Dach verbindet. Sein Team spürt eingesandten Hinweisen nach und klagt – oft sogar gegen hohe Staatsbeamte, zuletzt sogar Wladimir Putin selbst.4 Auf diese Weise hat er nicht nur ein beachtliches Netzwerk an internetaffinen Unterstützern aufgebaut, sondern auch viel Erfahrung im Umgang mit Gerichten gesammelt. Sie kommt ihm gut zupass – in seinen eigenen Verfahren.

Gerichtsverfahren und politische Ambitionen

Im Sommer 2013 lautete das Urteil im berüchtigten Kirowles-Prozess auf fünf Jahre Haft, die Strafe wurde später überraschend zur Bewährung ausgesetzt. Ein Jahr später kam eine weitere Bewährungsstrafe hinzu. Sein mitangeklagter jüngerer Bruder Oleg wurde erst im Juli 2018 nach Verbüßung des vollen Strafmaßes aus der Haft entlassen.  Zahlreiche Beobachter und Analysten halten die Prozesse für politisch motiviert.5 Und tatsächlich spricht einiges dafür – so zum Beispiel die Tatsache, dass es Putins Vertrauter Alexander Bastrykin war, der 2012 persönlich die Wiederaufnahme des Kirowles-Prozesses in Gang brachte, obgleich das Ermittlungskomitee den Fall zu den Akten gelegt hatte.6 Und auch abseits von Gerichtsprozessen ist Nawalny beständigem Druck ausgesetzt, der die Staatskasse übrigens einiges kostet: In einer investigativen Reportage deckte das Medium Projekt im August 2020 auf, dass der Kreml über Blogger und Social-Media-Influencer eine dauerhafte mediale Kampagne gegen Nawalny führt und dass der FSB ihn zu jeder Zeit und an jedem Ort überwacht. 

Doch hätte Putin von Nawalny wirklich etwas zu befürchten? Zumindest stand er im Zentrum mehrerer öffentlichkeitswirksamer Konfrontationen der letzten Jahre. Es war nicht Nawalny, der die Menschen im Jahr 2011 auf die Straße brachte – aber seine Losung von der „Partei der Gauner und Diebe“ gehörte zu den prominentesten Slogans. Und er kam als Kandidat der Partei PRP-PARNAS 2013 bei der Moskauer Bürgermeisterwahl – ohne jegliche Aufmerksamkeit vieler großer Medien – auf 27 Prozent der Stimmen. Diese Teilerfolge und seine immense Gefolgschaft im Netz ermutigten ihn zum nächsten Schritt: die Präsidentschaftswahl 2018.

Schon das Urteil vom 08. Februar 2017 verhinderte formal eine offizielle Kandidatur. Doch Nawalnys Kampagne ging weiter, sein Team hoffte auf den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, oder doch noch eine politische Intervention. Doch am 25. Dezember schloss die Zentrale Wahlkommission Nawalny von der Präsidentschaftswahl aus. Der reagierte darauf mit einem Boykottaufruf für die Wahl, russische Behörden überprüfen derzeit wiederum, ob dies gegen das Gesetz verstoße.

Soviel Aufregung um den potentiellen Kandidaten ist Grund genug, sich zu fragen, was Nawalny außer seinen berüchtigten, detailreichen Recherchen zu komplexen Korruptionsnetzwerken anzubieten hat.

Korruption als die Wurzel allen Übels?

Sein politisches Programm7 besteht aus sorgfältig austarierten, oft nicht allzu konkreten Statements. Befürworter eines starken, aktiven Staates finden Anschluss in seinen Forderungen nach Mehrausgaben für Gesundheit, Bildung und Infrastruktur, einem deutlich höheren Spitzensteuersatz, einem Mindestlohn in Höhe von 25.000 Rubel [circa 380 Euro] und einer Subventionierung von Hauskrediten für Familien. Anhänger eines zurückhaltenden Staates lockt er dagegen mit der Abschaffung jeglicher Steuern für Kleinunternehmer, einer zurückhaltenden Geldpolitik, Dezentralisierung und der Deregulierung des Wohnungsbaus.

Sucht man nach früheren Positionen, die keinen Eingang in sein Wahlprogramm gefunden haben, so findet man sein Bekenntnis zum orthodoxen Glauben - und seinen Hang zum Nationalismus: Er ist bereits als Organisator und Redner beim Russischen Marsch in Erscheinung getreten8 und vertritt in seinem Blog eine „demokratisch“-ethnonationalistische Linie, die sich um Abgrenzung von Extremen bemüht. In einem YouTube-Clip (den er später als Witz bezeichnete) setzt er kaukasische Terroristen mit Kakerlaken gleich.9 Von solchen Botschaften distanziert er sich mittlerweile, widerspricht ausdrücklich der Parole „Russland den Russen“.10

Alexej Nawalny während einer Kundgebung im September 2014 - Foto © Alexander Miridonow/Kommersant

Seine Fixierung auf Korruption als die Wurzel allen Übels, seine nationalistischen Anklänge und auch seine Teilnahme an Wahlen, die dem politischen System Funktionsfähigkeit und damit Legitimität bescheinigt, erregen dabei durchaus Anstoß in oppositionellen Milieus. Keinesfalls ist Nawalny daher der „Oppositionsführer“, als den deutsche und selbst einige russische Medien ihn zuweilen präsentieren. Aufregung im liberalen Lager erregte beispielsweise Nawalnys Aussage, die Krim sei kein Butterbrot, das man hin- und herreichen könne: Als Präsident würde er sie nicht an die Ukraine zurückgeben, sondern ein „normales“ Referendum über den Status der Halbinsel abhalten.11 Das klingt nach einem wahlstrategischen Drahtseilakt. Wie auch bei seinen nationalistischen Tönen und seinen gegenwärtig linken Forderungen zeigt sich hier, dass Nawalny auf Mehrheiten aus ist – und auch, dass er bereit ist, dem Publikum das zu sagen, was er für mehrheitsfähig hält.

Gleichwohl symbolisiert Nawalny für viele auch eine Hoffnung – unabhängig davon, dass sein politischer Handlungsspielraum beständig eingeschränkt wird, wie auch wieder durch das Urteil im zweiten Kirowles-Prozess. Was ihn von anderen Politikern abhebt, ist aber nicht so sehr sein Programm, sondern vielmehr sein rhetorisches Talent und seine kompromisslose Gegnerschaft zur herrschenden Elite. Vereinfacht gesprochen sieht Nawalny die Lösung von Russlands Problemen in der Formel Elitenwechsel plus Justizreform.12

Nawalny gleich Putin minus Korruption?

Tatsächlich ist Nawalny seinem ärgsten Gegner, Präsident Putin, in mancher Hinsicht nicht unähnlich. Wie Putin zu seinem Amtsantritt im Jahr 2000, erscheint er als eine charismatische und entschlossene Führungsfigur; mit seinem zentristischen Pragmatismus kann sich theoretisch ein breites Spektrum von Bürgern identifizieren. Und Nawalny erklärt selbst: „Ein Großteil der Dinge, die ich vorhabe, formuliert Putin auch – nur setzt er sie nicht um.“13 Es fällt daher auch der regierungsnahen Presse schwer, ihn den verhassten Liberalen der 1990er zuzurechnen – vor Schmähkampagnen14 ist er trotzdem nicht sicher.

Nawalny operiert mit den klassischen Instrumenten populistischer Rhetorik – für ihn gibt es keine horizontalen, politischen Grundsatzkonflikte, sondern nur unten gegen oben, Volk gegen Elite. In Kombination mit seinem zentristischen Programm kann das eine erfolgreiche Strategie im Kampf gegen ein Regime sein, das alles für alle zu sein vorgibt und daher ideologisch kaum zu greifen ist. Nawalny setzt dem allumfassenden Putin dasselbe allumfassende Bild entgegen. Der Unterschied: Unter Nawalny, so seine wichtigste Botschaft, arbeitet die Staatsmacht ehrlich, transparent und effizient.

Gefahr für den Kreml?

Addiert man sein Geschick im Umgang mit Social Media, seine illiberale, nationalistische Seite und seine offenkundige Willensstärke, so ergibt sich zumindest ein Potential, der Macht auf lange Sicht gefährlich zu werden. Vielleicht ist das der Grund, warum für politische Reden so oft die Anklagebank herhalten muss.

Als Nawalny am Morgen des 20. August 2020 in ein Krankenhaus in Omsk eingeliefert wurde, nachdem er auf dem Rückflug von Sibirien nach Moskau das Bewusstsein verloren hatte, stand vor diesem Hintergrund schnell der Verdacht einer Vergiftung durch den Kreml im Raum. Erhärtet wird dieser Verdacht für viele dadurch, dass der Fall sich in eine reiche Vergiftungs-Geschichte missliebiger Personen einreiht. Auch dass die russischen Ärzte zunächst die Diagnose einer Stoffwechselstörung stellten und die Vermutung einer Vergiftung zurückwiesen, erschien vielen als typisch für die Verschleierungstaktik des Kreml. 

Nawalny wurde jedenfalls am 22. August durch die Vermittlung der Organisation Cinema for Peace15 und die anschließende diplomatische Unterstützung der Bundesregierung nach Deutschland ausgeflogen. Während seiner Behandlung in der Berliner Charité erklärten die Ärzte am 24. August, man habe Hinweise auf eine Vergiftung mit Cholinesterase-Hemmern gefunden. Am 3. September 2020 äußerte sich Bundeskanzlerin Merkel schließlich in einem öffentlichen Statement dahingehend, dass Nawalny „Opfer eines Verbrechens“ geworden war: Ein Speziallabor der Bundeswehr hatte nachgewiesen, dass der Oppositionspolitiker mit dem Nervenkampfstoff Nowitschok vergiftet worden war.

Am 13. Januar 2021 kündigte Nawalny an, schon am nächsten Sonntag nach Moskau zurückzukehren. Da ihm eine Verhaftung wegen Verstoßes gegen Bewährungsauflagen drohte, lobten viele in Russland Nawalnys „mutigen“ Schritt  und verglichen den Politiker mit Nelson Mandela.

Noch bei seiner Ankunft am Flughafen in Moskau wurde Nawalny festgenommen. In einem Gerichtsprozess, abgehalten auf einem Moskauer Polizeirevier, wurde er am Montag, 18. Januar, zu 30 Tagen U-Haft verurteilt, wie seine Sprecherin Kira Jarmysch auf Twitter mitteilte. Im anschließenden Verfahren am 2. Februar 2021 wurde seine Bewährungsstrafe im Fall Yves Rocher in eine Gefängnisstrafe umgewandelt. Er muss damit bis Oktober 2023 in eine Strafkolonie.

Diese Ereignisse zogen im Januar 2021 große Proteste nach sich. Die Demonstrationen waren wegen Corona-Beschränkungen an keinem Ort von den Behörden genehmigt. Gleichwohl gingen innerhalb einer Woche im ganzen Land zweimal zehntausende Menschen auf die Straße. Der Kreml warf Nawalnys Team wie auch zuvor schon vor, Minderjährige für politische Zwecke zu missbrauchen. Gleichzeitig ging die Polizei hart, mitunter brutal gegen die Protestierenden vor und unterstrich damit die Botschaft, die sie auch schon von Nawalnys Verurteilung verbreitete: Wer sich hartnäckig weigert, die Autorität der politischen Führung anzuerkennen, muss mit immer härterer Repression rechnen.

Nawalny ist nun in Haft. Die Frage ist jedoch, ob er dort dem Kreml möglicherweise gefährlicher werden könnte, als dieser es sich erhofft. Ein inhaftierter moralischer Anführer kann für eine Bewegung durchaus inspirierend wirken – Nawalny selbst hat Nelson Mandela einmal als ein sein politisches Vorbild bezeichnet. 
Für die anstehende Dumawahl im Herbst 2021 jedenfalls setzt Nawalnys Team alles auf die Strategie kluges Abstimmungsverhalten, die in der Opposition zwar nicht unumstritten ist, aber den entscheidenden Vorteil hat, dass sie ohne Nawalny selbst funktioniert. 

Ob sich daraus und aus den Protesten eine echte Gefahr für Putins Macht ergibt, das hängt aber davon ab, ob es gelingt, die Solidarität mit Nawalny und die Wut über das sinkende Realeinkommen und die politische Unfreiheit in eine breite politische Bewegung zu kanalisieren. Der Politikwissenschaftler Samuel Greene drückte es kürzlich so aus: „Der Kreml setzt darauf, dass die Opposition ohne Nawalny eine kleinere Bedrohung darstellt – aber eine Bewegung, die lernt, ohne ihn auszukommen, wird viel schwerer zu unterdrücken sein.“16

Aktualisiert am 17.02.2021


1.youtube.com: Poslednee slovo Alekseja Navalnogo na povtornom processe po delu «Kirovlesa“ ↑​
2.shuum.ru: Aleksej Navalnyj: A ty, černožopaja, voobšče molči! 
3.Fond borby s korrupciej 
4.RBK: Navalnyj podal isk k Putinu 
5.Lexikon der Politischen Strafprozesse: Nawalny, Alexei Anatoljewitsch 
6.Nawalnys Unterstützer bezeichneten die Intervention als persönlichen Rachefeldzug Bastrykins, mit der Begründung, dass Nawalny einige Wochen zuvor Bastrykin vorgeworfen hatte, mit seinem Posten unvereinbare Geschäfte in Tschechien zu unterhalten, siehe vesti.ru: Politologi o Navalnom – realnom i virtualnom. Details zum Vorwurf hier: Livejournal Navalny: O nastojaščich inostrannych agentach 
7.vgl. 2018.navalny.com 
8.snob.ru: Navalnyj i nacionalizm 
9.youtube.com: Navalnyj za legalizaciju oružija 
10.Gleichwohl bringt er sich aber immer noch über ethnisch-religiöse Themen ins Gespräch, wie im Frühjahr 2016: Als in Moskau eine psychisch gestörte usbekische Muslima einem Kind den Kopf abschnitt, beklagte er lautstark die vermeintlich unzureichende Berichterstattung und sprach von Zensur aus politischer Korrektheit, siehe youtube.com: Debaty. Naval’nyj vs. Pozner: Polnaja versija 
11.RBK: Aleksej Naval’nyj – RBK: «Naša glavnaja zadača – izmenit’ sejčas vse» 
12.Zwar beklagt er auch institutionelle Schwächen des Systems, insbesondere die von der Exekutive dominierte Verfassung. Im Zentrum seiner Kritik stehen aber keine systemischen Eigenschaften, keine Anreize, denen Individuen folgen, keine Fragen der politischen Kultur. Nicht einmal die übermäßigen Befugnisse des staatlichen Gewaltapparates unterzieht er besonderer Kritik – es seien die Personen selbst, die jeglichen Sinn für Moral und ihren gesunden Menschenverstand verloren haben und in ihrer hemmungslosen Selbstbereicherung von niemandem effektiv kontrolliert werden können. 
13.Echo Moskvy: Osoboe Mnenie: Aleksej Naval’nyj 
14.Der regierungstreue Fernsehsender NTV lancierte bereits mehrere Sujets, die angeblich Nawalnys „versteckte Millionen“ dokumentieren sollen. 
15.Bezahlt wurde der Transport von dem russischen Unternehmer und Philanthropen Boris Simin 
16.Samuel Greene, Twitter am 02.02.2021 
Support dekoder
Related topics
Gnose

Bolotnaja-Bewegung

Am 6. Mai 2012 wurden beim Marsch der Millionen nach Zusammenstößen zwischen Demonstrierenden und Polizei etwa 650 Menschen verhaftet. Mischa Gabowitsch über den Bolotnaja-Prozess und die vorangegangenen Proteste 2011/12.

Gnose

Oleg Nawalny

Oleg Nawalny ist der Bruder des russischen Oppositionellen Alexej Nawalny. Einer größeren Öffentlichkeit wurde Oleg bekannt, als er 2014 in einem umstrittenen Betrugsprozess schuldig gesprochen und zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt wurde.

Gnose

Protestbewegung 2011–2013

Nachdem Putin im September 2011 angekündigt hatte, wieder Präsident werden zu wollen, und im Dezember zahllose Wahlbeobachter über massive Wahlfälschungen berichteten, bildete sich in Russland die größte Protestbewegung seit dem Ende der Sowjetunion. Sie bewies erstaunliches Durchhaltevermögen, versiegte jedoch im Jahr 2013 aufgrund von inneren Streitigkeiten und der repressiven Reaktion des Staates.

Gnose

Alexander Bastrykin

Alexander Bastrykin zählt zu den zentralen Figuren in Putins Machtapparat und ist als Leiter des mächtigen Ermittlungskomitees eine der einflussreichsten Personen in Russland.

more gnoses
Abseits der Norm, © Julia Autz (All rights reserved)