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„Hier gibt es keine Viren“

Wodka und BanjaDie Banja ist die russische Sauna: ein Dampfbad, in dem die kreislaufanregende und reinigende Wirkung durch das Auspeitschen mit Birkenzweigen verstärkt wird. Auf dem Lande ist es oft eine Holzhütte im Garten, in der Stadt sind es große Gebäude, ähnlich städtischen Badeanstalten. Die Banja ist ein Kultort, an dem gern getrunken und gegessen wird, der Eingang in viele Filme findet. Es gibt auch eine eigene Grußformel, wenn jemand in die Banja geht: S legkim parom! (Ich wünsche leichten Dampf!) - diese Heilmittel empfiehlt der belarussische Präsident Alexander LukaschenkoAlexander Lukaschenko ist seit 1994 Präsident der Republik Belarus. Er wurde in den ersten demokratischen Präsidentschaftswahlen des seit 1991 souveränen Staates gewählt. Seither schaffte er die Gewaltenteilung ab und unterdrückt freie Medien sowie die Opposition des Landes. Wenngleich sein Handeln im Ausland oft als irrational dargestellt wird und sein Land als Museum des Staatssozialismus gilt, hat Lukaschenkos Herrschaft einen rationalen Kern. Mehr dazu in unserer Gnose den Bürgern gegen Covid-19. „Hier gibt es keine Viren“, sagte Lukaschenko in die Kamera bei einem Eishockeyspiel. Eishockey- und Fußballspiele finden in Belarus weiterhin statt, auch sonst werden kaum offizielle Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Experten wie Ryhor Astapenia von Chatham House sehen dahinter vor allem wirtschaftliche Gründe: Belarus könne durch eine Abriegelung in die Rezession schlittern. Dem Land würden aber die Ressourcen fehlen, dies wieder aufzufangen.

Wie die Bürger mit der offiziellen Corona-Politik umgehen und wie stark ihr Verhalten dabei von einem tiefen Misstrauen gegenüber dem Staat geprägt ist, das schildert Denis Lawnikewitsch, Minsk-Korrespondent von The New Times.

Quelle The New Times

„Sehen Sie hier Viren? Hier gibt es keine Viren.“ Alexander Lukaschenko beim Eishockeyspiel am 4. April 2020 / Foto © president.gov.by

In Belarus wurden am Sonntag, den 5. April, 502 Fälle von Covid-19 registriert, 8 Menschen sind gestorben, 52 wieder genesen. Doch das sind nur die offiziellen Zahlen, denen in der Republik längst niemand mehr traut. Die Staatsmedien versuchen, so wenig wie möglich über die Epidemie zu berichten; die unabhängigen Medien sind mutiger, halten sich aus Angst vor Repressionen aber ebenfalls zurück. Dafür sind die Telegram-Kanäle voll von Fotos aus überfüllten Krankenhäusern und verzweifelten Hilferufen – sowohl von Ärzten als auch von Patienten.

Am 1. April sagte Litauens Präsident Gitanas Nausėda gegenüber der Presse: „Wir können den Informationen, die wir offiziell aus Belarus bekommen, nicht trauen, denn ich finde, der belarussische Staatschef legt bei seiner Beurteilung der Lage eine gewisse Prahlerei an den Tag. Es ist durchaus möglich, dass die tatsächlichen Zahlen weit schlimmer sind, denn wir wissen von Infektionsherden im Land und von Todesfällen.“

Die litauischen Behörden machten deutlich, dass nach dem Ende der europäischen Quarantänemaßnahmen die EU-Binnengrenzen wieder geöffnet würden – die Grenzen zu Belarus aber könnten dann möglicherweise geschlossen bleiben. Denn niemand kenne das reale Ausmaß der Epidemie im Land. Der belarussische Präsident antwortete in gewohnter Machomanier: „Wenn es irgendwo ein Feuer zu löschen gibt, dann werden wir es löschen. Und zwar viel effektiver als der litauische Präsident.“

Belarus ist eines der wenigen europäischen Länder, die sich lange gegen jegliche Quarantänemaßnahmen gesperrt hatten. Mehr noch, in den ersten Wochen der Epidemie warnte Lukaschenko [angesichts der Anti-Corona-Maßnahmen – dek] vor einer „Psychose“ und empfahl, sich mit Wodka, Saunagängen und Feldarbeit zu kurieren. Später wurde die Liste der „Heilmittel“ um Eishockey, Spaziergänge an der frischen Luft und Butter ergänzt. Gesundheitsminister Wladimir Karanik wiederum riet den Bürgern, das Coronavirus mit „Frühlingsgefühlen und positiven Emotionen“ zu bekämpfen.

Eishockey, Spaziergänge an der frischen Luft und Butter

Als einzige Maßnahme ordnete die belarussische Regierung an, dass sich Rückkehrer aus den vom Coronavirus betroffenen Ländern vierzehn Tage lang zu Hause selbst isolieren sollen.

Eine Quarantäne wurde nicht verhängt. Der Unterricht an den Schulen und Hochschulen ging bis Anfang April weiter. Dabei waren in vielen Klassen nur zwei oder drei Schüler anwesend, der Rest blieb zu Hause. Die Eltern kommunizierten über den Messengerdienst Viber und sprachen sich ab – mit dem Ergebnis, dass der Schulleitung manchmal Anträge auf Heimunterricht von den Eltern einer ganzen Klasse vorgelegt wurden.

Erst Ende der letzten Woche kündigte Lukaschenko an, dass er den Schülern eine Woche Ferien geben werde. Das heißt, immer noch keine Quarantäne, nur verlängerte Frühjahrsferien.

Schwerer haben es die Studierenden: Viele Hochschulen drohen damit, das Fernbleiben vom Unterricht als „Sabotage“ zu werten. Manche Institute sind allerdings aus einem anderen Grund leer: Die Studierenden wurden massenweise ins Krankenhaus geschickt oder sind in ihren Wohnheimen eingesperrt, weil sie Kontakt zu einem Corona-Infizierten hatten.

Massenveranstaltungen werden hingegen nicht abgesagt. Die Vorbereitungen zur Siegesparade am 9. MaiDer Tag des Sieges wird in den meisten Nachfolgestaaten der UdSSR sowie in Israel am 9. Mai gefeiert. Er erinnert an den Sieg der Sowjetunion über das nationalsozialistische Deutschland und ist in Russland inzwischen der wichtigste Nationalfeiertag. Der 9. Mai ist nicht nur staatlicher Gedenktag, sondern wird traditionell auch als Volks- und Familienfest begangen. Mehr dazu in unserer Gnose sind im Gange. Am 19. März startete in Belarus die Fußballmeisterschaft, die Stadien sind für die Fans geöffnet.

Am 14. und 28. März wurden im ganzen Land subbotnikiSubbotnik (von russ. subbota, dt. Samstag) ist die Bezeichnung für die in der Sowjetunion geprägten Freiwilligeneinsätze an Samstagen. Schüler, Studenten und Arbeitnehmer werden dabei angehalten, in ihrer freien Zeit ehrenamtliche Aufgaben zu übernehmen – vor allem beim Reinigen ihrer Lehr- und Arbeitsstätten durchgeführt. Die Vorbereitungen zum Musikfestival Slawjanski BasarSlawjanski Basar (dt. Slawischer Basar) ist ein internationales Kunstfestival, das seit 1992 in Witebsk stattfindet, das mit rund 380.000 Einwohnern die viertgrößte Stadt in Belarus ist. Das Festival findet jährlich im Juli statt und umfasst hunderte Veranstaltungen, vor allem Konzerte.  laufen weiter. Kinos, Einkaufszentren, Cafés und Restaurants haben geöffnet. Die meisten Servicekräfte arbeiten ohne Mundschutz und Handschuhe. Inoffiziell geben sie zu, dass ihnen „dringend geraten“ worden sei, keinen Mundschutz zu tragen, um „keine Panik in der Bevölkerung auszulösen“ (in TurkmenistanDer turkmenische Staats- und Regierungschef Gurbanguly Berdimuhamedow (geb. 1957) hat im Zuge der Ausbreitung des Coronavirus eine Reihe von Maßnahmen zur Eindämmung eingeleitet: Er verfügte unter anderem über Einschränkungen der Reisefreiheit, Schulschließungen und Ausgangsbeschränkungen. Menschenrechtsorganisationen wie Reporter ohne Grenzen berichten, dass die turkmenischen Behörden das Wort „Coronavirus“ beziehungsweise „Covid-19“ nur sehr restriktiv  benutzen, wohl um Panik in der Bevölkerung zu vermeiden. Das autoritär regierte Land ist traditionell weitgehend vom Rest der Welt isoliert; laut wenigen Berichten, die dennoch nach draußen dringen, riskieren Menschen, die über das Coronavirus reden oder Schutzmasken tragen, verhaftet zu werden. kann man für das Tragen eines Mundschutzes sogar verhaftet werden).

Ärzte unterzeichnen Geheimhaltungsvereinbarungen

Ab dem 1. März wurde in Belarus erstmals das Bestattungsgeld gekürzt – um ganze 50 Euro, eine erhebliche Summe für das Land. Sofort machte das Gerücht die Runde, die Regierung würde sich auf ein Massensterben einstellen, besonders unter der älteren Bevölkerung, für die das Virus am gefährlichsten ist.

Gleichzeitig werden Ärzte massenhaft gezwungen, „Geheimhaltungsvereinbarungen“ zu unterschreiben; der [belarussische Nachrichtendienst – dek] KGB und andere Sicherheitsorgane drohen mit Strafen, sollten Informationen über Corona-Patienten nach außen gelangen. Darüber reden wollen die Ärzte nur unter der Bedingung, dass sie anonym bleiben.

Am 18. März starb in WitebskWitebsk (belaruss. Wizebsk) ist mit rund 380.000 Einwohnern die viertgrößte Stadt in Belarus. Sie befindet sich im Nordosten des Landes und gilt mit einer Universität sowie mehreren Hochschulen und Museen als kulturelles Zentrum der Region. eine Frau und wurde umgehend und ohne Aufbahrung im geschlossenen Sarg beigesetzt, an der Beerdigung durften keine Gäste teilnehmen. Einen Tag später gaben ihr Mann, ihre Schwiegertochter und ihre Nachbarin ein Interview, in dem sie mit unabhängigen Journalisten über das Coronavirus sprachen, das man bei ihr gefunden hatte. Am 21. März wies Lukaschenko den KGB-Chef Waleri Wakultschik an, „hart gegen Übeltäter vorzugehen, die Falschnachrichten über das Virus verbreiten“.

Pressemitteilungen erinnern an Mathe-Aufgaben

Das belarussische Gesundheitsministerium gibt keine vollständige Statistik der Covid-19-Erkrankungen nach Regionen und Städten heraus. Konkrete Zahlen sucht man auf der offiziellen Seite der Behörde vergebens. Über den Telegram-Kanal des Ministeriums werden Daten mit einer Verzögerung von zwei bis drei Tagen veröffentlicht. Die Pressemitteilungen des Gesundheitsministeriums erinnern dabei an Mathematik-Aufgaben, eine genaue Zahl der Erkrankten wird nicht genannt.

Während es von offizieller Seite heißt, Schutzausrüstung sei im Überfluss vorhanden, herrscht vor Ort katastrophaler Mangel. Diagnostiziert werden akute Atemwegserkrankungen, Lungenentzündungen, Bronchitis und so weiter. Die Krankenhäuser in Minsk und Witebsk sind mittlerweile voll von Lungenpatienten – es sind um ein Vielfaches mehr als sonst. Jetzt werden Krankenhäuser in den Minsker Satellitenstädten für die Covid-Kranken geräumt.

„Konnten Sie Witebsk verlassen?“

Am schwersten betroffen ist die Stadt Witebsk und Umgebung. Die Region wurde sogar für die Polizei gesperrt: Polizeibeamte aus der Region dürfen nicht ausreisen, alle anderen nicht einreisen. Im Internet berichten Ärzte aus Witebsk, dass die Lage außer Kontrolle gerate.

„99 Prozent derjenigen, die jetzt ins Krankenhaus eingeliefert werden, sind Patienten mit Lungenentzündungen und hohem Fieber. Wir nehmen kaum noch andere auf, sogar die Gynäkologen sind bei uns jetzt Lungenärzte“, sagte eine Ärztin gegenüber der New Times. „Die Krankenhäuser sind überfüllt, die Menschen liegen in den Fluren. Alle Ärzte sprechen untereinander vom Coronavirus, doch das örtliche Gesundheitsministerium will die Statistik nicht ruinieren. Aber diese Lungenentzündung unterscheidet sich deutlich von den bisherigen!“

Witebsk wurde zu einem der Epizentren der Epidemie, nachdem eine größere Reisegruppe aus Italien zurückgekehrt war.

Unterdessen musste selbst Lukaschenko eingestehen, dass die Situation in Witebsk besonders schwierig ist und dort bereits mehr als zehn Ärzte an Covid-19 erkrankt sind. Mehrfach tauchte im Internet das Gerücht auf, die Stadt selbst sei abgeriegelt, bislang konnte es nicht bestätigt werden. In den sozialen Netzwerken liest man dennoch weiterhin Fragen wie: „Konnten Sie Witebsk verlassen?“

Flut von Lungenkranken

Inoffiziell werden nun im ganzen Land massenweise Patienten aus Psychiatrien und anderen Fachkliniken sowie Fachabteilungen in Krankenhäusern entlassen. Die Ärzte sagen, man bereite sich auf eine Flut von Lungenkranken vor. Sogar die Präsidenten-DatschaDie Datscha ist ein Sommerhaus im Umfeld der großen Städte. Das Wort geht auf das russische Verb dawat (dt. geben) zurück und bezeichnet ursprünglich eine „Land-Gabe“ des Zaren an den Adel. Im Unterschied zur „großen“ Urlaubsreise bewirkte die Nähe zur Stadt die spezifische Form der lockeren Geselligkeit im Austausch mit Freunden und Bekannten. Die Datscha steht seit jeher für die kleine Flucht aus Stadt und Alltag. Trotz oder wegen ihrer Randlage steht die Datscha auch oft im Zentrum der großen Politik: Von Stalin über Chruschtschow bis Gorbatschow lebte und regierte die Polit-Prominenz in ihren Staatsdatschen. Mehr dazu in unserer Gnose Krupenino bei Witebsk sei entsprechend umfunktioniert worden.

Am 29. März ordnete Lukaschenko an, bis zum 10. April einen Impfstoff gegen das Coronavirus zu entwickeln. Er betraute mit der Aufgabe seine rechte Hand Alexander Kosinez (einen ausgebildeten Mediziner) und versprach ihm einen Orden für die Entwicklung des Impfstoffs. Noch am selben Tag wurden inoffiziell alle Clubs und Diskotheken in Minsk geschlossen. Und am 30. März wurde das Verbot, das eigene Gebiet zu verlassen für die Polizei auf das ganze Land ausgeweitet.

Unterdessen ist der Corona-Ausbruch in Belarus von dem Ausbruch einer anderen unangenehmen Seuche begleitet – der Schweineinfluenza [im Original swinoj gripp, wörtl. Schweinegrippe; der Autor verlinkt aber in dem Absatz auf diesen Telegram-Post, in dem von H1N1, der für den Menschen ungefährlichen Schweineinfluenza die Rede ist – dek]. Die Straßen in Minsk und anderen großen Städten werden desinfiziert. Privatunternehmen dürfen ihren Angestellten nicht mehr kündigen, die Supermärkte ihre Preise bis zum 30. Juni nicht erhöhen. Und zur wichtigsten Informationsquelle für die Belarussen ist nun endgültig Telegram avanciert.
 

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Alexander Lukaschenko

Alexander Lukaschenko ist seit 1994 Präsident der Republik Belarus. Er wurde in den ersten demokratischen Präsidentschaftswahlen des seit 1991 souveränen Staates gewählt. Seither baute er systematisch die Gewaltenteilung ab, sein Regime unterdrückt freie Medien sowie die Opposition des Landes. Wenn auch sein Handeln im Ausland oft als irrational dargestellt wird, hat Lukaschenkos Herrschaft doch einen rationalen Kern.

Alexander Lukaschenko (belarussisch Aliaksandr Lukaschenka) wurde 1954 in der Ortschaft Kopys im Osten der belarussischen sowjetischen Teilrepublik geboren. Er regiert seit 1994 ununterbrochen als Präsident der seit 1991 unabhängigen Republik Belarus. Für viele osteuropäische Beobachter hatte das von ihm seit seiner Wahl installierte politische System eine Vorbildfunktion in Osteuropa, unter anderem auch für die Errichtung der sogenannten MachtvertikaleDie Machtvertikale ist ein wichtiger Aspekt der autoritären Konsolidierung Russlands seit den frühen 2000er Jahren. Gemeint ist vor allem eine Rezentralisierung des föderalen Aufbaus in Form von föderaler Vertikale und Vertikalisierung der Demokratie in Form von gelenkter Demokratie. Seit Mitte der 2000er Jahre fordern konservative Politiker und Medien außerdem eine nationale Vertikale. Im multiethnischen Staat solle der russischen Ethnie die Rolle des primus inter pares zukommen, so die Forderung. in Russland.1 Die verabschiedeten Verfassungsänderungen stärkten die Macht des Präsidenten und hoben die Gewaltenteilung nach und nach weitgehend auf.

Trotz des vollständig auf seine Person ausgerichteten Systems verzichtet Lukaschenko nicht auf seine formelle Legitimierung durch Wahlen. Er lässt sich alle fünf Jahre durch den verfassungsmäßigen Souverän, das belarussische Volk, im Amt bestätigen. Diese Wahlen sind jedoch weder frei noch fair. Die Ergebnisse werden ebenso stark durch die konsequente Ausgrenzung der politischen Opposition beeinflusst wie durch die Gleichtaktung staatlicher und die Einschüchterung freier Medien. Um ein besonders hohes Wahlergebnis abzusichern, organisiert die zentrale Wahlkommission regelmäßig gezielte Manipulationen bei der Auszählung der Stimmen.2

Alexander Lukaschenko 2008 bei einem Treffen mit Dimitri Medwedew – Foto © Kremlin.ru unter CC BY 4.0

 

Strategien des Machterhalts

Maßgebliche Gründe für den Erfolg des Modells Lukaschenko sind:

1) Lukaschenko ist von Anfang an ein populärer Herrscher, der die „Sprache des Volkes“ spricht. Er greift Stimmungen in „seiner“ Bevölkerung auf und lässt sie in dem ihm eigenen Präsidialstil in populistische Verordnungen einfließen. Während ihm die Opposition vorwirft, weder Russisch noch Belarussisch korrekt zu sprechen, spricht er die „Sprache des einfachen Mannes“3 – so wie die Mehrheit der Bevölkerung. Diese symbolische Nähe zum Volk wird ökonomisch abgesichert durch eine Klientelpolitik, die wichtigen sozialen Gruppen ein stabiles Einkommen über dem regionalen Durchschnitt sichert: Beamten in Verwaltung und Staatsbetrieben, Angehörigen von Militär, Miliz und Geheimdiensten, Bewohnern ländlicher Regionen sowie Rentnern.

2) Die relative Stabilität von Lukaschenkos Wirtschaftssystem beruht auf einer konsequenten Umverteilung indirekter russischer Subventionen. Diese bestehen vor allem darin, dass Belarus bisher für russisches Rohöl hohe Ermäßigungen erhielt. Die im Land hergestellten Erdölprodukte werden aber zu Weltmarktpreisen abgesetzt. Mit solchen indirekten Subventionen aus Russland wurde die petrochemische Industrie zum größten Devisenbringer des Landes.4 Eine weitere wichtige Einnahmequelle ist das Kalisalz aus Soligorsk (Salihorsk), dessen Förderstätten zu den weltweit größten Produzenten dieses Minerals gehören. Darüber hinaus verfügt Belarus nur über Holz als nennenswerten Rohstoff.

Die strukturelle Abhängigkeit von der russischen Wirtschaft führt immer wieder zu finanziellen Engpässen in der Aufrechterhaltung des Sozialstaats. Lukaschenko gleicht diese bisher zum Teil durch internationale Kredite aus.

3) Alexander Lukaschenko ist ein indirekter Profiteur des Kriegs im Osten der UkraineDer Krieg im Osten der Ukraine ist eine militärische Auseinandersetzung zwischen der Ukraine und den selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk. Die Ukraine wirft dem Nachbarland Russland vor, die Rebellen mit Personal und Waffen zu unterstützen, was Russland bestreitet. Der Krieg kostete bereits rund 13.000 Menschen das Leben. Eine anhaltende Waffenruhe konnte trotz internationaler Vermittlungsbemühungen bisher nicht erreicht werden. Mehr dazu in unserer Gnose . Er war bereits 2015 durch die Etablierung von Minsk als Treffpunkt für die Gespräche im Normandie-FormatEin Gesprächsformat zwischen den Regierungschefs und Außenministern der Ukraine, Russlands, Deutschlands und Frankreichs, in dem über den Ukraine-Konflikt verhandelt wird. Das Format wurde ins Leben gerufen, nachdem sich die Regierungschefs am 6. Juni 2014 zum Weltkriegs-Gedenken in der Normandie getroffen hatten. wieder zum Verhandlungspartner für die Europäische Union geworden. Im Februar 2016 hob die EU ihre Sanktionen gegen Alexander Lukaschenko und hohe Beamte seiner Administration auf. Bedingung dafür war die zuvor erfolgte Freilassung von politischen Gefangenen. Auch diese Entscheidung ermöglicht es Lukaschenko, sich wieder als Gesprächspartner der Europäischen Union zu etablieren. Auf diese Weise kann Lukaschenko weiterhin seinen einzigen geopolitischen Trumpf ausspielen: Die Lage der Republik Belarus zwischen Russland und der EU.  

Ukrainisches Szenario?

Die Folgen des Krieges in der Ukraine haben auch in Belarus das Ansehen des Präsidenten gestärkt: In Anbetracht der Not im Nachbarland gilt er vielen im Land weiterhin als Garant für relative Stabilität. 

Angesichts der russischen Angliederung der KrimAls Krim-Annexion wird die einseitige Eingliederung der sich über die gleichnamige Halbinsel erstreckenden ukrainischen Gebietskörperschaft der Autonomen Republik Krim in die Russische Föderation bezeichnet. Seit der im Frühjahr 2014 erfolgten Annexion der Krim ist die Halbinsel de facto Teil Russlands, de jure jedoch ukrainisches Staatsgebiet und somit Gegenstand eines ungelösten Konfliktes zwischen der Ukraine und Russland. Mehr dazu in unserer Gnose stellt sich die Frage, inwieweit es dem belarussischen Volk deutlich wurde, dass auch die Stabilität des Lukaschenko–Regimes stark von außenpolitischen Faktoren und noch stärker von Russland abhängt. Hat die Angliederung den Glauben darin bestärkt, dass die starke Hand des Batka Väterchen, wie der Diktator von vielen im Alltag genannt wird – notwendig ist, um auf solche Bedrohungen zu reagieren? Oder ist eine Öffnung in Richtung Europäischer Union unausweichlich, um eine Modernisierung des Landes zu erreichen?

Ähnliche Fragen wurden auch in der Ukraine vor dem Euromaidan gestellt. Doch Lukaschenkos Herrschaft ist im Vergleich zu JanukowitschsViktor Janukowitsch (geb. 1950) war von 2002 bis 2005 und von 2006 bis 2007 Ministerpräsident sowie von 2010 bis 2014 Präsident der Ukraine. Vor dem Hintergrund der Euromaidan-Ausschreitungen floh er nach Russland, das ukrainische Parlament Werchowna Rada erklärte ihn im Februar 2014 für abgesetzt. Janukowitschs Regierungszeit war verbunden mit tiefgreifender autoritärer Konsolidierung. Laut einer 2015 in der Ukraine durchgeführten Meinungsumfrage ist Janukowitsch die unbeliebteste historische Figur aller Zeiten. Viele Ukrainer werfen ihm Manipulationen und massive Verbrechen vor. derzeit wesentlich stärker abgesichert durch Miliz, Geheimdienst sowie die Sehnsucht vieler Bürger nach Sicherheit. Die Identifikation mit russischer Kultur, Geschichte und Sprache ist in Belarus darüber hinaus weitaus höher als in vielen Teilen der Ukraine.

Neben dem systematischen Machterhalt besteht der rationale Kern von Lukaschenkos Herrschaft heute vor allem in der Gewinnmaximierung aus dem taktischen Lavieren zwischen Russland und der EU. Daraus resultieren politische und wirtschaftliche Krisen – sowohl im Verhältnis zum Westen als auch zum Osten des Kontinents.


1.Belarusskij Žurnal: «Belarusprovinilaspered vsem postsovetskim prostranstvom»
2.osce.org: International Election Observation Mission: Republic of Belarus – Presidential Election, 11. October 2015
3.Belorusskij Partizan: Pavel Znavec: Lukašenko i belorusskij jazyk
4.Germany Trade & Invest: Wirtschaftstrends Jahresmitte 2016 – Belarus
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Leonid Breshnew

Leonid Breshnew war von 1964 bis 1982 Vorsitzender der KPdSU und prägte als erster Mann im Staat fast zwei Jahrzehnte lang das Geschehen der Sowjetunion. Seine Herrschaft wird einerseits mit einem bescheidenen gesellschaftlichen Wohlstand assoziiert, gleichzeitig jedoch auch als Ära der Stagnation bezeichnet.

Donezker Volksrepublik

Die Donezker Volksrepublik ist ein von Separatisten kontrollierter Teil der Region Donezk im Osten der Ukraine. Sie entstand im April 2014 als Reaktion auf den Machtwechsel in Kiew und erhebt zusammen mit der selbsternannten Lugansker Volksrepublik Anspruch auf Unabhängigkeit. Seit Frühling 2014 gibt es in den beiden Regionen, die eine zeitlang Noworossija (dt. Neurussland) genannt wurden, Gefechte zwischen den Separatisten und der ukrainischen Armee.

Perestroika

Im engeren Sinne bezeichnet Perestroika die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Umgestaltung, die auf Initiative von Michail Gorbatschow ab 1987 in der Sowjetunion durchgeführt wurde. Politische Öffnung und größere Medienfreiheit führten bald dazu, dass sich die Forderungen nach Veränderung verselbständigten – obwohl die Reformen neben viel Hoffnung auch viel Enttäuschung brachten. Die Perestroika läutete einen unaufhaltsamen Prozess des Wandels ein und mündete im Ende der Sowjetunion.

Krieg im Osten der Ukraine

Zum ersten Mal treffen sich Wladimir Putin und sein ukrainischer Amtskollege Wolodymyr Selensky heute persönlich in Paris. Thema ist der Krieg im Osten der Ukraine, der trotz internationaler Friedensbemühungen seit April 2014 anhält. Er kostete bereits rund 13.000 Menschen das Leben. Steffen Halling zeichnet die Ereignisse nach.

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